Das Leben Eben
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Chaos im Kopf. Von zu vielen Möglichkeiten, zu viel Zeug und zu hohem Anspruch

Ich habe Chaos. 

Während ich das hier schreibe, stehe ich breitbeinig (besser für den Rücken) an der Küchezeile, mein Laptop steht auf dem Herd (WTF?), neben mir das Espressokännchen (3 Tassen, die 4 Tasse wartet), ein Glas Weißwein, mein Joghurt mit Äpfeln und Schokocrunch (immerhin, ohne Zucker) und das Schneidebrett mit den Brotrinden (haha, never ever hab ich mir vor den Kindern geschworen) vom Kindervormittagssnack.

Es ist 10:37 Uhr und nein, ich trinke nicht jeden Tag und auch nicht jeden Tag um diese Uhrzeit. Aber wenn das Kind abends bis um 23 Uhr wach ist und man selbst danach zu müde, um noch gemütlich ein Gläschen Wein mit dem Liebsten zu trinken, verschiebt sich eben manchmal das Timing. Das kenn ich auch gar nicht anders, ich sag nur Schichtdienst und so.

Worum geht’s hier eigentlich? 

Aber nein, es geht gar nicht um den Wein, es geht um mein Chaos. So wie andere Menschen sagen: „Ich hab Rücken.“ kann ich sagen: „Ich hab Chaos.“.

Chaos im Kopf. Chaos in der Wohnung. Chaos im Email-Eingang. Chaos im Leben. Ein Chaosleben ist das. Und ich muss sagen – es gefällt mir nicht. Es macht mir das Leben schwer. Klar, irgendwann findet man es witzig, wenn Freunde einen liebevoll lächelnd als „Chaosqueen“ bezeichnen. Aber spätestens, seit die Kinder auf der Welt sind und ich selbstständig bin, hab’ ich immer öfter und aktuell eigentlich jeden Tag das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst.

Wäsche, Wäsche und nochmal Wäsche.

Wäsche. Berge von Wäsche. Man schafft es nicht, sie so schnell zu Waschen, zusammenzulegen und in den Schrank zu packen wie sie wieder schmutzig wird.

Kinderspielzeug. Ü-ber-all! Auf jeder Ablage, auf dem Fußboden, in jedem Raum, überall liegt Kinderspielzeug. Bücher, Duplo, Puzzleteile, gesammelte Steine, Bilder mit nur einem Buntstiftstrich, Puppen, Kissen – Zeug!

Zeitschriften. Stapel, überall. Unter der Küchenbank, auf der Sofalehne im Wohnzimmer, auf meinem Schreibtisch. Plus: Zeitschriftenschnipsel. Aus den vielen, hilflosen Versuchen, die Stapel zu eliminieren und endlich, endlich Ordnung zu schaffen.

Ich hab das Gefühl, irgendjemand packt alles, was so rumliegt immer wieder in einen Sack und sobald ich aufgeräumt habe, kippt er ihn wieder über uns aus. Verteilt genüsslich den Inhalt des Chaos-Sacks in der ganzen Wohnung. Reibt sich kichernd dabei die Hände und lehnt sich zufrieden zurück, wenn ich wahnsinnig werde. Weil ich einfach nicht ankomme gegen das Chaos.

Manchmal frage ich mich – bin das einfach ICH? Ist das mein Charakter, mein zweiter Vorname und ist der Name Programm? Oder habe ich einfach nie gelernt, mich selbst richtig zu organisieren und Ordnung zu halten? Sind mir Unordnung und Chaos egal?

Zumindest die letzte Frage kann ich ganz klar mit NEIN beantworten. Es ist mir nicht egal. Ich finde Ordnung schön und beruhigend. Ich sehne mich nach Ordnung und schaffe es trotzdem einfach nicht, Vorsätze umzusetzen und vor allem, Ordnung zu halten.

Chaos im Kopf, Chaos in der Wohnung. Der typische Stapel mit Zeitschriften

Natürlich gibt es mittlerweile Studien, auf die sich auch der Artikel Chaos fördert die Kreativität bezieht, die eben das besagen – dass kreative Menschen Chaos brauchen, um kreativ zu sein. Die besten Ideen entstehen aus dem Chaos? Ist das so?

Wenn Chaos lähmt statt Kreativität zu fördern

Jetzt gerade habe ich das Gefühl, dass es nicht so ist. Dass mein Chaos mich, uns behindert. Dass uns eine klare Struktur fehlt, an der sich auch die Kinder orientieren können. Mir passiert es ziemlich oft, dass ich so viel zu tun habe bzw. so viel auf meiner Liste steht, dass ich wie gelähmt bin und erst gar nicht anfangen kann. Und es geht hier wirklich nicht um „perfekt bis ins kleinste Detail und instagramtauglich“, wer uns kennt, weiß das. Und alle anderen: stellt euch vor, ihr könnt die Kinder nicht in die Kita bringen, weil ihr den Schlüssel nicht findet. So ist das hier manchmal.

Irgendwann kommt man an den Punkt, an dem einfach nichts mehr läuft. Das Leben nicht, der Job nicht, die Beziehung nicht. Und wenn noch was läuft, dann läuft es schief und aus dem Ruder. Es gibt seit Wochen, ach, eigentlich seit Jahren, Dinge, die ich einfach nicht auf die Reihe kriege.

  • Einen Babysitter finden, dem ich meine Kinder auch anvertrauen kann und will.
  • Eine Haushaltshilfe, weil wir im Haushalt nur das nötigste schaffen und ich so gerne eine Wohnung hätte, in die ich auch mal spontan einladen kann.
  • Einen großen Holztisch zu finden, der uns allen gefällt, an dem wir sitzen und arbeiten und essen, trinken und feiern, reden und lachen und leiden können. Der Wutanfälle dokumentiert, Tränen, Gelächter und Wein aufsaugt. Ein Tisch für gute und schlechte Zeiten.
  • Endlich wieder regelmäßig zum Sport zu gehen.
  • Mich regelmäßig bei allen meinen Freunden und meiner Familie zu melden und sie auch zu treffen.

Be loud, be fun, be awesome. Be fast or be last. So wahr. Sticker für Journal von ban.do

So viele Pläne, so wenig Zeit. Oder liegt’s an der Organisation? 

Ich hab immer vor Augen: andere schaffen das doch auch. Ich kenne eigentlich niemanden, der so überfordert ist mit dem Leben wie es sich für mich oft anfühlt. Wahrscheinlich, ganz sicher sogar, wirke ich auch nicht so auf andere. Das bekomme ich immer wieder zu hören, aber eigentlich, eigentlich ist mein Leben furchtbar chaotisch. Ist das nur mein Problem? Oder ist es ein Problem der Generation der unendlichen Möglichkeiten? Das bezieht sich in meinem konkreten Fall nicht nur auf den Lebensentwurf und was ich alles schon angefangen und wieder aufgegeben habe, sondern auch auf kleine und alltägliche Dinge. Zum Beispiel – das passende Schuhregal zu finden.

Schuhe im Flur – das Chaos schlechthin

Wir haben in unserem wunderschönen, riesigen, langen Altbauflur immer ein absolutes Schuhchaos. Okay, ich gebe zu – wir haben auch viele Schuhe. Aber nichts desto trotz – bei anderen Familien werden auch viele Schuhe ordentlich im Schuhregal aufbewahrt. Ich dagegen nehme seit Jahren in Kauf, dass die Schuhe im Flur kreuz und quer rumliegen, dass wir darüber stolpern, plötzlich fehlt immer mal wieder ein Schuh und ich muss immer wieder an die Gruppe, die es früher mal bei StudiVZ gab, denken: „Nein, ich habe keinen Besuch, das sind alles meine Schuhe“.

Aber wieso finde ich einfach nicht das passende Schuhregal? Weil es viele Kriterien erfüllen muss: hübsch muss es sein, am liebsten ein Designerteil, das sich auch gut auf Fotos macht. Es soll sich gut in den Flur einfügen (wo wir wieder beim Thema sind: wie soll der Flur eigentlich aussehen? Möglichkeiten über Möglichkeiten), am liebsten auch keine tausend Euro kosten. Es müssen genug Schuhe reinpassen und bei welchem Schuhregal ist das schon so? Es soll eben das richtige sein, das Schuhregal, das mir auch in einem und am besten auch in fünf Jahren noch gefällt. Wegschmeißen und ein neues kaufen muss ja eigentlich auch nicht sein, Stichwort Nachhaltigkeit.

Die Problematik mit dem Schuhregal kann übrigens beliebig auf jede andere Situation übertragen werden.

Daily Reminder Navucko mit Kupfer Kugelschreiber Caran d’ache

Ein zerfaserter Tagesablauf

Ich schaffe es außerdem selten, eine Sache von Anfang bis Ende zu machen. Während ich diesen Post geschrieben habe, habe ich gekocht (Nudeln mit Lachs in Sahnesoße), eine Windel gewechselt, WhatsApp Nachrichten geschrieben, Blüten vom Grill probiert, die Geschirrspülmaschine eingeräumt, meine vierte Tasse Kaffee in der Mikrowelle aufgewärmt und gemerkt, dass das echt eklig schmeckt, Kinderstories gelauscht und abgewaschen.

Seit die Kinder auf der Welt sind, hab ich das Gefühl, dass mein Kopf immer voll ist und mit jedem Tag noch voller wird. Leider helfen auch To-do-Listen nicht, sie machen weder meinen Kopf leerer noch werden sie selbst irgendwie kürzer, weil jeden Tag mehr Aufgaben dazukommen als ich abstreichen könnte. Außerdem ist es leider so, dass ich auch hier viel zu unorganisiert bin. Hier ein Zettelchen auf dem Schreibtisch, da klebt einer im Kalender, in der Handtasche rascheln die zerknüllten Erinnerungen und ja, auf dem Fußboden liegen sie auch.

Don’t forget - das Chaos im Kopf und die Frage- was ist eigentlich wirklich wichtig?

Ich sage zehn Mal zu den Kindern: „So, jetzt ziehen wir uns aber wirklich an!“, und statt dann auch genau das zu tun, erledige ich auf dem Weg zu den Schuhen noch „mal eben schnell“ zwei andere Dinge, dann plingt das iPhone und zack, ist eine viertel Stunde vergangen und die Kinder spielen längst wieder.

Und jetzt?

Ja, das ist eine gute Frage. Ich bin mir selbst gar nicht so sicher, was ich mit diesem Post will. Vielleicht ein bisschen Zugzwang in die richtige Richtung, à la „Einsicht ist der erste Weg zur Besserung„?

Filofax Planer und Diary

Hauptsächlich hilft es mir, mal alles aufzuschreiben. Schreiben, formulieren, mir dadurch auch klar und klarer werden. Welche Probleme gibt es überhaupt? Welche haben Priorität? Welche Lösungsansätze gibt es für uns? Für mich? Bin ich eigentlich alleine verantwortlich für dieses Chaos, für die fehlende Struktur in unserer Familie, im Haushalt, im Leben? Wollte ich immer alles zu sehr kontrollieren, hab es einfach nicht auf die Reihe gekriegt und jetzt steh ich knietief im kaugummizähen Chaos? Ist mein Anspruch zu hoch? Müssen wir vielleicht zu Minimalisten werden?

Ich weiß es nicht, aber es tut gut, das alles mal runtergeschrieben zu haben. Und vielleicht geht es ja dem ein oder anderen auch so und wir merken, dass wir gar nicht alleine überfordert sind? Oder ihr seid die absoluten Organisationstalente und habt Tipps für mich? Ich wär euch sehr dankbar.

Und jetzt geh ich endlich mal die Kinder anziehen.

Edit: Den Text habe ich schon vor ein paar Wochen geschrieben – einen riesigen Schritt in die richtige Richtung habe ich mittlerweile geschafft. Wir haben eine Babysitterin gefunden oder besser gesagt – sie hat uns gefunden. Beste Entscheidung ever!

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