Das Leben Eben, Kinderkram
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Einfach mal… die Kinder spielen lassen. Ein Plädoyer für mehr Freispiel, Fantasie und Kindheit

Was Fantasie kann - wenn aus Schleichtieren eine Kinderwagenkette wird. Ein Plädoyer für mehr Freispiel.

Ich gebe zu, ich bin schon immer ein großer Fan davon, die Kinder einfach mal ihr Ding machen zu lassen, Freispiel ist mein Ding. Einerseits aus dem egoistischen Grund, dass es mir irgendwann einfach zu langweilig wurde, die ganze Zeit mitzuspielen, andererseits, weil ich einen Satz aus meiner Kindheit noch gut im Ohr habe:

Wenn du dich langweilst, entstehen immer die schönsten Sachen.

Diesen Satz hat meine Mutter mal zu mir gesagt – und sie hatte Recht damit. Erst, wenn man sich langweilt, weil kein Beschäftigungsangebot vorgibt, wie, wann und wo man was macht – erst dann entstehen im Kopf Geschichten. Die Phantasie braucht Raum, um sich entfalten zu können. Und Eltern, die sich zurückhalten können.

Und zwar auch mal im größere Stil. Das bedeutet, dass wir als Eltern es auch mal aushalten und zulassen sollten, dass die Kinder über einen längeren Zeitraum und über mehrere Zimmer hinweg einfach spielen. Einfach machen. Einfach sind.

Unser Chilli-Billo-Fantasie-Wochenende

Unsere Wochenenden sehen ganz oft so aus: Papa ist beim 24-Stunden-Dienst. Und was machen wir? Nichts. Wir lassen uns treiben und ich lasse die Kinder machen. Ich sorge nur dafür, dass sie etwas zu essen und zu trinken haben – aber auch das können sie sich nehmen oder Bescheid sagen, wann sie möchten. Wenn sie Hunger haben oder es gerade in ihren Spielflow passt.

Bei Streitereien schreite ich nur ein, wenn sie sich offensichtlich nicht von allein erledigen. Und was soll ich sagen – meistens sind diese Tage erfüllt von Reisen nach Afrika, den tollsten Bauten im Kinderzimmer und Basteleien.

Klar ist auch, dass die Kinder in dieser „Einfach mal machen lassen“-Zeit auch mal mit dem Holzhammer aus dem Kinderwerkzeugkoffer eine Wand auf Kinderhöhe demolieren. Oder plötzlich ein mit einem Schlüssel in die Wand geritztes Haus über dem Sofa prangt. oder aus dem Kabel der Hasenlampe und dem Bademantelgürtel ein Hindernis für’s Einhornwettreiten quer über den Flur gespannt wurde.

Da heißt es im ersten, zweiten und dritten Moment: tiiiief durchatmen. Ruhe bewahren. Fragen, ob das Turnier schon vorbei ist und beim abbauen helfen. Und erklären, dass mit Kabeln genau so wenig gespielt werden darf wie mit Steckdosen. Aber nicht sofort und einfach nur meckern.Das fällt mir auch nicht immer leicht. Bei der Sache mit den Löchern in der Wohnzimmerwand bin ich fast durchgedreht. Aber naja – es stimmt schon, wir benutzen unsere Werkzeuge ja auch immer an der Wand. Und seitdem wir es einmal besprochen haben, wird nur noch in alte Kartons gebohrt und gehämmert.

Chaos aushalten und spielen lassen

Unser letztes Wochenende, genauer gesagt der Sonntag, sah genauso aus. Die Kinder haben gespielt, ich hab’ einen Blogpost geschrieben, ein bisschen Wäsche gemacht, gekocht, aufgeräumt.

An eine Szene erinnere ich mich besonders – und besonders gerne. Um sie zu verstehen, kurz vorweg: jedes Kind hat eine eigene Süßigkeitenkiste, an die sie auch selbst rankommen. Ich war gerade dabei, Mittag zu kochen und dachte nach einer Weile: „Mensch, ganz schön still in der Wohnung.“

Was Fantasie kann - wenn aus Schleichtieren eine Kinderwagenkette wird. Ein Plädoyer für mehr Freispiel.

Stille ist immer verdächtig.

Ja, Stille ist immer verdächtig, deswegen bin ich auf leisen Sohlen bis zum Kinderzimmer geschlichen, um, als ich durch die Decken in die Hochbetthöhle luscherte, gerade noch zu sehen, wie etwas – vermutlich zwei Kinder – unter eine Decke sprangen. In eben dieser Sekunde erblickte ich im Augenwinkel  – eine Süßigkeitenkiste. Kichern unter der Bettdecke und sofort durchflutet mich dieses Gefühl:

Das ist Kindheit.

Ich sehe ganz genau vor mir, wie die Kinder in ein paar Jahren kichernd an diesen Moment zurückdenken werden, wenn sie eine bunte Tüte (die war nämlich gerade brandneu in der Süßigkeitenkiste) in der Hand halten.

„Weißt du noch, Lotta? Damals, als wir in der Hochbetthöhle heimlich die bunte Tüte gegessen haben, Mama sogar reingeguckt und NIX GEMERKT hat?“

Zumindest ein paar Jahre lang werden sie noch denken, dass ich nichts gemerkt habe. Ohne ein Wort zu sagen, habe ich nämlich meinen Kopf wieder aus der Höhle gezogen und bin zurück in die Küche geschlichen. Weil es einfach auch nichts gebracht hätte, zu meckern. Weil es zur Kindheit, zum größer werden und Erfahrungen machen dazu gehört, auch mal verbotene Dinge zu tun. Und weil ich selbst weiß, dass verbotenes und heimliches einfach am meisten Spaß macht.

Was Fantasie kann - wenn aus Schleichtieren eine Kinderwagenkette wird. Ein Plädoyer für mehr Freispiel.

Die Belohnung

Die Belohnung für dieses stille Zurückziehen und einfach mal machen lassen? Meine beiden, diese wunderbaren Kinder, kamen mit verwuschelten Haaren, roten Wangen und glühenden Gesichtern zu mir und erzählten kichernd und ein bisschen verlegen, was sie getan hatten. Das Wort „Süßigkeiten“ fiel zwar nicht, sondern wurde kreativ ersetzt durch so wunderbare Fantasiegebilde wie Kack-Pupsa-Drops – aber das war mir in diesem Moment wirklich so kackpupsegal wie nur was.

Denn viel wichtiger war in diesem Augenblick, dass die beiden mir vertrauten. Dass sie sich trauten, mir irgendwie zu erzählen, dass sie etwas verbotenes getan hatten.

Abgedriftet?

Ich überlege gerade, ob ich ein bisschen abgedriftet bin vom Thema. Es ging doch um einfach mal machen lassen, Phantasie und so. Jein, so ganz abgedriftet bin ich nicht. An diesem Sonntag habe ich in den Instagram Stories unser Chaos gezeigt. Das, was die Kinder „angestellt“ hatte, die Dinge, die unter permanenter Aufsicht wohl eher nicht passiert wären.

Auf diese Stories habe ich viel Feedback erhalten, angefangen bei „Toll, dass du das machst, Freispiel ist für die Entwicklung so wichtig“ über „Danke, dass du zeigst, dass es nicht nur bei uns so chaotisch aussieht“ bis zu „Ich würde das auch gerne mal machen, aber ich schaffe es nicht, nicht ständig hinter den Kindern herzuräumen.“

Und mit meiner kleinen Geschichte von unserem Chillo-Billo-Fantasie-und-Freispiel-Wochenende will ich einfach nur mal zeigen, was für schöne Aha-Erlebnisse dabei auch rauskommen können. Dass nicht nur die schönsten Geschichten dabei entstehen, sondern dass womöglich auch ein unerwartetes Feedback über seine Eltern-Kind-Beziehung bekommt.

Was Fantasie kann - wenn aus Schleichtieren eine Kinderwagenkette wird. Ein Plädoyer für mehr Freispiel.

Ein Plädoyer für mehr Freispiel

Dieser Post ist also ein Plädoyer für viel mehr Freispiel, für unverplante Zeit, für Langeweile und einfach mal machen lassen.

Und ich kann euch sagen – wenn ihr es aushaltet, beim Freispiel nicht zwischendurch aufzuräumen und dafür stattdessen am Abend ein Stündchen einplant, könnt ihr an Tagen wie diesen auch einfach mal gemütlich auf dem Sofa abhängen. Ein Buch lesen, eine Folge eurer Lieblingsserie gucken oder einfach zuhören, was eure Kinder so erzählen, während sie im Pappkarton nach Afrika segeln, eine Schnullerkette aus Schleich- und Playmobil-Tieren für ihre Puppen basteln oder ein Springturnier für Einhörner organisieren.

 

 

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  1. Pingback: Simplicity: Warum freies Spielen für alle wichtig ist | a lovely journey

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