Das Leben Eben
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Rabenschwarz statt Rosarot. Ein Tag zum Streichen.

Der Tag fängt schon beschissen an. Ja, genau – beschissen, ich kann es einfach nicht anders sagen. Wecker fünfmal ausgemacht, viel zu spät aufgestanden. Der Grundstein dafür wurde am Abend vorher gelegt, als das kleine Kind, vollkommen fertig, schon um halb sieben einschlief. Um elf war es wieder wach, bis ein Uhr nachts. Ich natürlich auch – und ganz ehrlich, mit der Erkältung, die ich seit gefühlt 6 Wochen mit mir rumschleppe, komme ich mit weniger als 8 Stunden Schlaf in der Nacht nicht durch den Tag.

Von ein Uhr bis halb acht, das macht sechseinhalb Stunden, in denen ich natürlich auch diverse Male kurz wach war. Unruhiger Traum beim Kind, irgendwas quietscht. Seit die Kinder da sind, habe ich einen extrem leichten Schlaf, was solche Störungen in der Nacht angeht. Wieso kann sich das eigentlich nicht auch auf’s morgendliche Aufwachen erstrecken?

Egal. Wie schon gesagt – beschissener Morgen weil zu spät aufgestanden. Nächster Tiefpunkt – das Kind jammert, dass es nicht in die Kita wolle. Auf gar keinen Fall. Tief durchatmen ist angesagt, erst mal Kaffee und Kakao, anziehen, Zähne putzen. Und hier – wie jeden Morgen im Moment, das gleiche Theater. Nein, keine Haare kämmen, keine Zähne putzen, wieso muss ich immer so viele Sachen übereinander anziehen?

Als wir die Morgenroutine geschafft haben, wird die Stimmung besser, beim Kind zumindest. Die Kita-Frage vom Tisch. Jetzt muss ich nur noch das große Kind wach kriegen. Und zwar 20 Minuten, bevor wir eigentlich das Haus verlassen müssen, damit wir um viertel vor neun in der Kita sind. Nicht erst um neun, wie die letzten Wochen, wenn die anderen Kinder schon am Frühstückstisch sitzen.

Wenn es nicht so nervig wäre, wäre es zum lachen. Dieses typische Schlafverhalten, meine kleine Eule. Und weil ich das von mir so gut kenne, fällt es mir jeden Morgen schwer, das Eulenkind zu wecken. Aber es muss sein. Mit Streicheln und Kitzeln, Küssen und Kuscheln versuche ich, das Aufwachen so angenehm wie möglich zu gestalten. Innerlich bin ich aber unruhig und einer der ersten Sätze lautet: „Schatz, wir müssen uns beeilen, wir sind ziemlich spät dran.“

Wie sehr mich das nervt, immer wieder, auch an diesem Tag macht es mich noch wütender und gestresster. Dieser Teufelskreis aus Stress und Hektik, Müdigkeit und Chaos, der nicht jeden Tag, aber viel zu oft seinen Tribut zollt.

Aber, so sehr ich mir mehr Zeit wünsche, heute befinden wir uns nunmal schon mittendrin, im Strudel des Hetzens. Das zweite Morgenprogramm wird im Eilverfahren durchgezogen, dann schnell schnell Schuhe, Schneehosen, Jacken, Schals und Fahrradhelme. Mützen nicht vergessen, bloß die Mützen nicht vergessen. Ab in die Tasche damit.

Der Zeiger auf der Uhr ist gnädig, wir haben etwas Zeit gut gemacht, weil ich beim Anziehen geholfen habe. Jetzt bloß schnell los. Aber nein, natürlich nicht. Die Fahrradlampen müssen mit, Theater, wo sind die bloß? Wir schwitzen alle in unseren dicken Jacken, mich persönlich bringt das immer erst so richtig zum kochen.

Endlich haben wir sie, runter in den Fahrradkeller, Lampen dranbimseln und los. Natürlich im lahme Enten Tempo, wie könnte es auch anders sein an diesem strudeligen Tag. Sonst hetze ich immer hinterher, heute muss ich sie antreiben. Zur Eile, los los, schneller jetzt!

Mein Ton ist schon lange nicht mehr liebevoll oder auch nur freundlich, General Pinkepank hat das Sagen. Ich gebe kurze, knappe Anweisungen, finde die Situation selbst unerträglich und herrschte die Kinder trotzdem weiter an.

Sie sind nicht böse auf mich, aber ich, ich bin böse auf mich. Warum hab ich mich nicht im Griff? Ein dicker Kuss zum Abschied und die Umarmung, fest ist sie und einen Wimpernschlag länger als sonst.

Die Kitatür fällt hinter mir ins Schloss, es ist windig und frisch. Ich genieße die Abkühlung erstmal, auf halbem Weg zwischen Kita und Wohung ziehe ich meine Schal ja der Tasche, rosa Strick blitzt vom Taschenboden zu mir raus. Ich hab die Mützen vergessen.

Also zurück zur Kita, ist immerhin gut für meine Schrittzahl, denke ich, während ich durch den Nieselregen zurück laufe.

Die viereinhalb Stunden ohne Kinder zuhause bin ich wie gelähmt. Der Regen prasselt ans Fenster, ich schaffe das ein oder andere, ein wenig Arbeit, plane ein paar Mahlzeiten. Eine Stunde, bevor ich sie wieder abholen muss, räume ich im Turbogang auf. Ich bin so müde, so müde und hoffe, dass wir ohne Theater nach Hause kommen.

In der Kita ist erstmal alles gut, ich helfe beim Anziehen, aber es zieht sich, ich merke, wie ich unruhig werde und denke: ich will doch einfach nur  nach Hause.

Ein anderes Kind macht heute auch nicht mit, ich höre der Mama an, dass auch sie genervt ist, ihr Ton ist nicht so liebevoll wie sonst, heute kann auch sie das Anziehen und Losgehen nicht in kleine, motivierende Geschichten verpacken, wie sie es sonst immer tut. Darum habe ich sie schon oft beneidet, um diese Energie, die gute Laune. Heute bin ich einfach erleichtert, dass es bei ihr auch solche Tage gibt. Ich lächle sie an, fühle mich kurz wie eine Verbündete und hoffe, sie versteht mich.

Erster Disput, noch bevor wir losfahren – die Kinder wollen ins Kropkå, auf Kuchen und Kakao. Ich möchte heute nicht, ich ahne, dass die Kombination unserer Stimmungen eskalieren könnte. Außerdem hatten wir nach den Geburtstagen jetzt erstmal genug Kuchen und Süßigkeiten. Natürlich erzähle ich den Kindern den zweiten Grund.

Sie versuchen, Kompromisse rauszuhandeln (was mich eigentlich stolz macht), aber ich habe einfach keinen Nerv. Nachdem ich mehrere Male nein gesagt habe und erklärt habe, worum es mir geht, drehe ich mich um und sage: „Ich gehe jetzt!“. Und ich gehe los. Das habe ich noch nie nie nie gemacht und ich finde es ganz furchtbar und verurteile es scharf, wenn ich es bei anderen Eltern mitkriege. Denn natürlich würde ich nie gehen und meine Kinder irgendwo stehen lassen. Dessen sollen sie sich auch sicher sein, immer. Und trotzdem, gestern bin ich losgegangen.

Und dann. Laufrad und Fahrrad im Straßenverkehr, sowieso mein Puls-Thema. Manchmal läuft es glatt, meistens nicht. Einer weit vorne, der andere weit hinten, ich dazwischen, wechselndere Blick nach vorne, hinten, vorne. Oder beide dicht beieinander, hintereinander, ein Rennen und ich sehe schon die Räder mit lauter gebrochen Armen und Beinen dazwischen.

Das ist natürlich nur meine (Horror)Vorstellung, die Realität sieht so aus:

„Ich kann nicht mehr, Mama, weißt du, ich kann einfach nicht mehr!“ weint das Kind. Normalerweise würde ich ihn auf den Arm nehmen, ihm sagen, dass ich das kenne, gut verstehe und er einfach seinen Kopf anlehnen soll. Ich würde ihn nach Hause tragen, das Laufrad ebenfalls irgendwie.

Aber heute sage ich nur: ich kann auch nicht mehr, wir sind fast zuhause, komm schon, fahr!

Es ist, als ob ich uns von oben zuschauen würde und ich denke die ganze Zeit: „Wer ist diese böse, unzufriedene, müde, meckernde Frau? Was läuft da schief?“ Aber unten auf dem Boden treibe ich die Kinder nach Hause und bin froh, so froh, als die schwere Tür vom Fahrradkeller mit einem dumpfen Geräusch hinter uns zufällt und die Welt ausschließt.

Oben in der Wohnung lassen wir uns alle erschöpft auf’s Sofa sinken, ich drücke das tränennasse Gesicht meines Kindes an mich und wir geben uns gegenseitig Halt, spenden uns Trost in diesem Moment. Durchatmen, runterkommen. Und dann – Bibi und Tina, mittlerweile nicht mehr nur als Hörspiel, sondern auch als Serie. Eine Folge dauert lang, 30 Minuten, jeder darf eine aussuchen. An diesen Tagen, an denen ich selbst zum Vorlesen zu erschöpft bin, geht das klar. Und ich hab noch nicht mal ein schlechtes Gewissen. Hauptsache, es ist leise. Wir kuscheln dabei, mit Flauschdecken und zum ersten Mal an diesem Tag überkommt mich das Kinderglückgefühl.

Nach einer Weile raffe ich mich auf, ich muss Erwachsenenpflichten erledigen. Das Altpapier kleinmachen und bündeln, es hat sich einiges angesammelt, die Reste vom Shop, Kartons und Geschenkpapier von zwei Geburtstagen.

Was soll ich sagen – kaum bin ich weg, gibt es Streit. Egal, warum, Streit, Geschrei, es ist laut und meine Nerven sind heute dünn und gespannt wie Drahtseile. Das warme Gefühl vom Kinderglück weicht der Ernüchterung und ich frage mich, warum, warum zum Teufel muss hier eigentlich immer Theater sein?

Ich wäre selbst so gerne diese entspannte, fröhliche Mama, mit einem Lächeln auf den Lippen und liebevoller Nachsicht, unendlich viel Kraft. Diese Mama, die das Kind nach Hause trägt, wenn es nicht mehr kann. Weil, verdammt, ja, ich erinnere mich dran – auch als Kind ist das Leben an manchen Tagen, in manchen Moment verdammt schwer.

Wir kriegen den Tag irgendwie rum, mit neuen Büchern, die mein Freund vorliest, als er nach Hause kommt, ein Moment, in dem ich mal durchatmen kann. Der restliche Abend verläuft einigermaßen okay, aber es knirscht und knarzt im Getriebe. Die Familie, der Tag, nichts läuft heute rund. Im Nachhinein erstaunt es mich, wie sehr es die täglichen Kleinigkeiten und Routinen sind, die bestimmen, ob wir funktionieren oder nicht. Wenn es die fettigen Finger, die an der frisch gewaschenen Wäsche abgewischt werden statt im Bad gewaschen zu werden, sind, die das Fass zum Überlaufen bringen.

Das fünfte „Bitte zieh jetzt deinen Schlafanzug an, damit wir ins Bett gehen können“, das einfach konsequent ignoriert wird, trotz Augenhöhe und Augenkontakt, reicht für mich heute. Wie ein trotziger Teenager schnappe ich mir meinen Laptop und knalle die Schlafzimmertür zu. Das tut gut. Und BÄM, gleich noch eine, danke Altbau, dass wir zwei Türen zum zuknallen haben. Ich lasse die Familie stehen und bin raus, ich ziehe mich raus, um nicht maximal zu eskalieren, das will keiner, das braucht keiner und am Ende bereue ich selbst es sowieso am meisten.

Die Minuten im dunklen Schlafzimmer auf dem Bett, in denen ich anfange, diesen Text zu schreiben. Ich bin bitterböse, höre die Kinder weinen und versuche, die Geräuschkulisse einfach auszublenden. In diesem Moment bin ich so froh und dankbar, dass mein Freund den Rest übernimmt. Zähne putzen, anziehen, Geschichte. Und dann kommen sie. Klettern auf meinen Schoß, kuscheln sich an und flüstern mir ein „Entschuldigung, Mama…“ ins Ohr.

Ob ich zu ihnen ins Bett kommen kann. Kann ich, klar kann ich. Da ist es wieder. Kinderglück, Liebe, Geborgenheit. Ich kann und ich will, wir kuscheln uns unter warme Bettdecken, kleine Kinderhände legen sich um meinen Hals. Sie liegen da, entspannt, halten sich an mir fest,  lassen den Tag los und schlafen ein.

Dieser Moment, wenn ich zwischen beiden Kindern liege und ihrem ruhigen Atem lausche, alles friedlich und still wird, ist einer meiner liebsten Momente des Tages. Weil ich Zeit habe, mich auf das zu besinnen, was wichtig ist. Und was nicht. Ich lasse den Tag Revue passieren, immer in diesen Momenten. Und so glücklich es mich macht, diese kleinen Hände zu spüren, die Füße, die sich unter meinen Körper schieben, ihr Vertrauen – an Tagen wie diesen reicht das nicht ganz, um versöhnt und glücklich einzuschlafen.

Es braucht die Nacht, es müssen acht Stunden Schlaf dazwischen liegen. Obwohl ich so müde bin, dass ich die Augen kaum offen halten kann, kann ich nicht einschlafen. Die Disharmonie des Tages lässt mich nicht los und ich poste ein Bild auf Instagram mit den Worten:

Live mindfully - Flow Kalender 2017

„Nach Tagen wie diesen möchte ich einfach nur noch: wieder spielen können und nicht mehr erwachsen sein. Hier läuft gerade so einiges unrund und ich frage mich so oft, wo eigentlich dieses Gefühl von Leichtigkeit hin ist, das ich früher mal kannte. Zwischen den ganzen Trotzanfällen und Alltagskämpfen fällt es mir schon schwer, den normalen Alltag durchzukriegen – und dabei wünsche ich mir so sehr ein bisschen Entspannung und Erholung und Gemütlichkeit. Jetzt, wo es (nach den Geburtstagen) auch bei uns endlich weihnachtlich werden darf. Wie ist das bei euch? Wie ist das bei euch? Habt ihr dieses Gefühl von Leichtigkeit und Unbeschwertheit noch, seit ihr Familie habt?“

Ein Thema, zu dem es einiges zu sagen gibt. Ich weiß, es sind die kleinen Momente, die zählen, die an vielen Tagen auch alles vergessen lassen. Eine spontane Umarmung, ein „Ich liebe dich, Mama“, ein kurz angelehnter Kopf, das Wissen, dass sie sich bei mir sicher fühlen und fallen lassen können. Dass sie mir vertrauen und mich bedingungslos lieben. Wenn sie plötzlich eine lustige Geschichte erzählen oder Dinge sagen und man hin und weg ist, woher sie sowas wissen.  Dieser Moment, wenn sie friedlich im Bett liegen und schlafen, man durchatmen und zum Partner sagen kann: „Sind sie nicht süß?“

Und ich weiß, dass es Zeiten geben wird, in denen ich dieses Chaos, diese Lautstärke, die Spielsachen überall in der Wohnung so schmerzlich vermissen werde, dass es kaum auszuhalten sein wird.

Ich würde auch um nichts in der Welt tauschen, nicht gegen das Leben vor den Kindern. Denn natürlich gab es auch damals Phasen, in denen ich mich gefragt habe, wo die Leichtigkeit hin ist. Die Kinder sind nicht die Schuldigen an dieser Situation, das ist mir in jedem Moment schmerzlich bewusst und manchmal kann ich trotzdem niemand nach Hause tragen oder es ertragen, auch beim siebten „Zieh jetzt bitte deine Schuhe an!“ ruhig zu bleiben.

Zum Glück sind solche Tage nicht die Regel, aber es gibt sie und ich glaube, es gibt sie in fast allen Familien. Mir hilft es immer sehr, wenn ich sehe: du bist nicht allein damit. Andere Mütter sind auch erschöpft, andere Mütter schaffen es auch nicht immer, freundlich und nett zu ihren Kindern zu sein. Ich weiß, dass ich gestern einfach zu wenig Schlaf hatte, zermürbt war von meiner Erkältung, die ich seit Wochen nicht los werde und mich nicht frei machen konnte von den Erwartungen anderer.

Womit ich wieder bei einem meiner Dauerthemen wäre – Selbstfürsorge.

Mit diesem Wissen habe ich heute Nacht fast 8 Stunden geschlafen, bin früh genug aufgestanden, habe morgens Musik angemacht und wir haben uns fröhlich und ohne Stress zu den Klängen von „Unter meinem Bett“ angezogen, sind zur Kita, haben nicht gestritten und ich wette, der restliche Tag wird vielleicht nicht rosarot, aber zumindest nicht rabenschwarz.

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