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Wie wär’s… wenn Wertschätzung der Schlüssel zum Glück wäre?

Wertschätzung als Schlüssel zum Glück - Street Art Hamburg Schanze

Gibt es das eigentlich noch – Wertschätzung?

Meiner Erfahrungen mit Wertschätzung im Krankenhaus

Acht Jahre lang habe ich im Krankenhaus gearbeitet. Während des FSJs in der Geriatrie, in der Ausbildung zur Krankenschwester in der Neurochirurgie, Onkologie, Neurologie, Gynäkologie, Unfallchirurgie, in der HNO, auf der Station für Risikoschwangerschaften und in der Notaufnahme. Dort habe ich nach meinem Examen auch direkt angefangen, Vollzeit zu arbeiten.

Eine der größten Notaufnahmen Hamburgs, ich habe gemeinsam mit meinen pflegerischen und ärztlichen Kollegen die ganze Bandbreite an Verletzungen und Erkrankungen behandelt. Schnittwunden, Brüche, Herzinfarkte, Schlaganfälle, Polytraumen – im Schockraum, im Behandlungszimmer, auf dem Flur, auf der Trage und auf dem Fußboden. Habe junge Patienten gehabt, alte Patienten und die dazwischen. Ich habe Blutdruck gemessen, Schwangerschaftstest gemacht, Anamnesen erhoben, Medikamente gespritzt, überwacht, geredet, zugehört. Ich habe reanimiert, Leben gerettet und beim Sterben begleitet.

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Wertschätzung? Fast immer: Fehlanzeige.

Ich wurde angeschrien, angemacht, an den Haaren gezogen, sollte verklagt werden, bin während eines Notfalls gelaufen, auf dem nassen Boden ausgerutscht und auf den Bauch gefallen, als ich etwa im sechsten Monat schwanger war.

Wieviele Patienten ich hatte? Kann ich beim besten Willen nicht sagen. Die meisten habe ich vergessen, das Schicksal einiger wird mich wohl nie loslassen und treibt mir immer noch die Tränen in die Augen.

Ich wollte immer Ärztin werden, aber ich war auch gerne Krankenschwester. Zeitweise sogar so gerne, dass ich ein Medizinstudium in Frage gestellt habe. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, nach dem Ende meiner Elternzeit wieder im Krankenhaus zu arbeiten. Und das, obwohl es sich anfühlt, wie nach Hause zu kommen, sobald ich ein Krankenhaus betrete. Denn, und das ist mir heute morgen schlagartig klar geworden – es ist nicht (nur) das viel zu kleine Gehalt, der Schichtdienst, die Mehrbelastung durch kranke Kollegen, für die kein Ersatz geschaffen wird, der Ansturm an Patienten, die eigentlich nicht in eine Notaufnahme gehören.

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Der eigentliche Grund ist die fehlende Wertschätzung. 

Die Wertschätzung von Patienten, von Angehörigen, von Kollegen, vom Arbeitgeber. Natürlich habe ich oft ein „Vielen Dank, tschüss!“ gehört, beim Rausgehen über die Schulter zurück geworfen. Aber echte Wertschätzung, die klingt anders. Es sind diese kleinen Sätze wie „Schön, dass sie jeden Morgen hier so fröhlich reinkommen.“ am 12. Tag Frühdienst am Stück, für den ich um halb fünf aufstehen musste. Ein Brief mit einer Einladung zu Kaffee und Kuchen. Ein handgeschriebenes „Vielen Dank für’s Zuhören“ auf der Visitenkarte eines pensionierten Kapitäns am Ende eines nie enden wollenden Dienstes. Ein „Dankeschön“, mit Augenkontakt und kurzem Innehalten. Und manchmal braucht Wertschätzung noch nicht mal Worte, da spürt man sie einfach.

Einfach mal Danke sagen

Auch, wenn es bis hierher vielleicht so klingt, es geht mir nicht um Selbstbeweihräucherung. Eigentlich geht es noch nicht mal um mich. Aber so ein persönliches Beispiel zeigt doch anschaulicher, worum es eigentlich geht. Im August ist meine Elternzeit vorbei und ich kann mir nicht vorstellen, wieder zurück zu gehen. Obwohl ich das Gefühl habe, dass die Notaufnahme mir fehlt, die Arbeitsumstände haben mich mürbe gemacht. Immer mehr Patienten bei immer weniger Personal. Neues Material, das um Längen schlechter ist als das alte, aber immerhin kostet es einen halben Cent weniger. Das Gefühl, in bedrohlichen Situationen keinen Rückhalt zu haben. Kein Individuum zu sein in dieser Krankenhausmaschinerie, sondern nur ein Rädchen im Getriebe, das, wenn es bricht, eben ersetzt wird. Oder eben auch nicht.

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Vielleicht, ganz vielleicht wären diese negativen Gefühle und Erfahrungen nicht so übermächtig, wenn ab und zu mal jemand Danke sagen würde. Und das gilt nicht nur für mich, das gilt für alle Krankenschwestern, Pfleger, Ärzte und Ärztinnen, Hebammen, für die Feuerwehr, die Polizei, für die Busfahrer, deine Kosmetikerin, den Menschen, der dir deinen dringend benötigten Kaffee verkauft oder ein Brötchen.

Natürlich ist es mein und ihr Job und wir suchen uns unsere Jobs alle mehr oder weniger selbst aus. Aber auch Traumjobs können an manchen Tagen ätzend sein. Deswegen schlage ich vor, wenn jemand nicht wirklich scheiße zu dir ist – wie wär’s mit ein bisschen mehr Wertschätzung?

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Wie wär’s…

Wie wär’s, morgens beim Bäcker einfach mal genauso freundlich auf „Schönen guten Morgen, was darf’s denn sein?“ zu antworten, statt sich einfach nur „Kaffee. Schwarz.“ rauszuquetschen?

Wie wär’s, wenn man das nächste Mal, bevor man aus dem Bus steigt, dem Busfahrer oder der Busfahrerin sagst: „Vielen Dank, dass du mich sicher von A nach B gebracht hast.“?

Wie wär’s, wenn man den Erzieherinnen und Erziehern in der Kita mal ein Blümchen mitbringt und „Danke“ sagt? „Danke, dass du dich jeden Tag so gut um mein Kind kümmerst.“

Wenn man seine Kosmetikerin nach ihrem Namen fragt und ihr sagt: „Vielen Dank, dass du meine Augenbrauen so schön gezupft hast. Für dich ist das vielleicht Routine, aber mir schenkt es jeden Tag ein bisschen mehr Selbstbewusstsein.“?

Wie wär’s, wenn man der nächsten Krankenschwester/Pfleger/Arzt/Ärztin/Hebamme, mit der man zu tun hast, einfach mal sagt: „Ey, vielen Dank, dass du sogar an Weihnachten/Silvester/Ostern/nachts arbeitest, um mir zu helfen, falls mir was passiert.“

Wie wär’s, wenn man das gleiche mal zu einem Feuerwehrmann oder einem Polizisten sagt?

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Wie wär das? 

Ich persönlich glaube, es wäre ganz fantastisch. Denn mir tut so ein kleines Danke, ein anerkennendes Wort, überhaupt nicht weh. Im Gegenteil, es macht mich froh, obwohl es für mich eigentlich nur eine Kleinigkeit ist. Aber stell dir mal vor, dass du vielleicht mit einem kleinen Satz dafür verantwortlich bist, dass jemand sich den ganzen Tag über gut fühlt. Dass er abends beim Abendbrot oder am Morgen nach seinem Nachtdienst seiner Familie von dir erzählt und dabei glücklich, vielleicht auch ein bisschen verwundert, grinst. Stell dir mal vor, dass die Krankenschwester die Visitenkarte mit dem handgeschriebenen Dank Jahr für Jahr, Wohnung für Wohnung, an ihrer Pinnwand lässt, um sich immer wieder an diesen kleinen Moment zu erinnern.

Wie wäre das?

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P.S. Es geht natürlich nicht nur speziell um die genannten Berufsgruppen, eigentlich geht es um alle Menschen, um’s allgemeine Miteinander. Wertschätzung tut doch in allen Bereichen einfach gut, mit Fremden, mit Freunden, mit der Familie.

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