Müde, erschöpft – aber zufrieden und erfüllt packe ich am letzten Dienst vor meinem Urlaub Stifte, Schere, Marker und mein Notizbuch in die Tasche. All die Dinge, die ich in den letzten zwei Monaten morgens um sechs zum Frühdienst, Mittags um eins zum Spät- oder abends um einundzwanzig Uhr zum Nachtdienst aus meiner fliederfarbenen Beuteltasche in meine knallblaue Kasacktasche gesteckt habe. Mein Namensschild rutscht noch hinterher, ich tausche Funktionskleidung und Schuhe gegen Alltagsklamotten und lasse die Klinik für 2 Wochen hinter mir.

Zwei Monate habe ich Vollzeit im Krankenhaus gearbeitet, das macht zur Einarbeitung absolut Sinn. Vor allem, wenn man, wie ich, lange raus war und oder in einem fachfremden Bereich startet. Elf lange Jahre hab ich nicht in der Pflege gearbeitet und bin von der Notaufnahme auf die Wochenbettstation gewechselt. Ein riesiger Unterschied – und ich liebe es.

Ja, ich bin so erschöpft nach 2 Monaten Vollzeit Klinik plus Alltagstrubel mit Kindern in einer Zeit voller Sommerfeste, Schulabschiede und Sommerferien und meiner Selbstständigkeit, die zwar reduziert, aber dennoch auch weiterlaufen musste, dass ich denke: so könnte ich nicht weitermachen. Aber das muss ich ja auch nicht. Nach meinem Urlaub gehts mit einer halben Stelle weiter und ich denke, das sollte sich gut machen lassen.

Und wie ist es so, zurück in der Pflege nach so langer Zeit?

Vor allem, weil mir die Arbeit einfach unfassbar viel Spaß macht. Es ist so schön, die Frauen zu betreuen und beraten, sie zu bestärken oder ihnen einfach auch mal zuzuhören. Der Neugeborenenzauber, dieser unvergleichliche Duft, neues Leben – ja, auch wenn es wirklich stressig ist, ist das einfach sehr besonders und bei jedem Kind, jeder Familie faszinierend. Und ich liebe das Gefühl, wieder medizinisch lernen zu können, mein Gehirn herauszufordern, Zusammenhänge zu verstehen.

Wie ist es denn so, wie lief die Einarbeitung, wie klappt das mit der Familie und den Kindern – diese Fragen erreichten mich in den letzten Wochen immer wieder auf Instagram. Auch von Frauen, die überlegen, selbst wieder zurück in die Pflege zu gehen. Natürlich ist jede Situation individuell, jede Klinik anders und auch die Strukturen, aber ich finde immer: wenn es nur einen Menschen inspiriert oder etwas Sicherheit gibt, lohnt es sich, darüber zu schreiben.

Die Einarbeitung

In der ersten Woche ging es für alle neuen MitarbeiterInnen darum, die Klinik, die Strukturen, das Unternehmen kennenzulernen. Unabhängig vom Arbeitsbereich haben wir die ersten Tage alle Vorträge zusammen gehört: ÄrztInnen, PsychologInnen, WissenschaftlerInnen, Pflegekräfte, IT-MitarbeiterInnen, PersonalerInnen. Diesen “soften Einstieg” (trotzdem 8 Stunden Input) fand ich super, ich kannte das UKE ja vom Studium schon ein bisschen, aber es wurde klar: die Mitarbeitenden sollen sich hier wohl fühlen. Ihre Möglichkeiten kennen, wissen, an wen sie sich in welchem Fall auch immer wenden können, welche Fachbereiche es noch gibt und sich interdisziplinär vernetzen.

Zusätzlich zu den allgemeinen Infos gab es die letzten beiden Tage IT-Training, wir haben, diesmal aufgeteilt in die Gruppen, die auf den Stationen mit den jeweiligen Programmen arbeiten würden, unterschiedlichste Szenarien durchgeklickt.

Nach einer Woche fing die Einarbeitung auf der Station an. Ich wurde von allen Kolleginnen unheimlich offen empfangen und 5 Wochen lang wirklich sehr gut eingearbeitet. Es gab, bis auf den allerletzten Tag meiner Einarbeitung, keinen einzigen Tag, an dem ich plötzlich doch nicht doppelt geplant war und einen Bereich allein übernehmen musste. Das rechne ich der Klinik und dem Team wirklich hoch an, ich weiß, dass das absolut nicht normal ist, auch wenn es das sein sollte.

Allein verantwortlich, aber nicht allein gelassen

Vor meinen ersten Diensten, in denen ich allein für einen Bereich zuständig war, war ich dann doch ziemlich aufgeregt, aber: ich hab mich reingefuchst. Ich hab nicht immer alles geschafft, ich hatte öfter Dienste, in denen ich mal keine Pause hatte, es war oft sehr anstrengend und fordernd – aber ich hab es geschafft. Mich zu organisieren, die wichtigsten “Punkte” zu schaffen und, das hoffe ich zumindest, den Müttern, Kindern und manchmal auch Vätern, gerecht zu werden. Was mir sehr geholfen hat in diesen ersten Diensten und auch immer noch hilft: meine aufmerksamen Kolleginnen, die von sich aus immer mal gefragt haben, ob ich Hilfe brauche und die mir immer wieder geduldig Fragen beantworten und Abläufe erklären. Ich hab mich nie allein gelassen gefühlt und das ist so viel wert.

Die Arbeit macht mir Spaß, ich bin fast immer mit einem Lächeln zur Arbeit erschienen und es ist, wie ich erwartet habe: es macht mir ein gutes Gefühl, wieder in der Klinik zu sein und mit Frauen zu arbeiten.

Ich bin stolz auf mich und stolz auf uns

Das sagen wir uns selbst und über uns selbst viel zu selten, weil es irgendwie verpönt ist, aber ich kann das voller Überzeugung sagen: ich bin wirklich stolz auf mich. Und auf uns, als Familie. Auf André. Jedes einzelne Kind. Wir haben sie gut gemeistert, diese zwei anstrengenden Monate. Für die Kinder war es eine ziemliche Umstellung, sie kennen es zwar, dass ich arbeite – aber eben fast nur zuhause. André und ich haben quasi die Rollen getauscht, er hat die meiste Arbeit rund um Kinder und Haushalt übernommen und ich war in der Klinik. Deutlich mehr als er es sonst ist, wir haben unsere Arbeitssituation vor 4,5 Jahren ungefähr so angepasst, dass er auch relativ viel zuhause ist. Aber trotzdem war eine Umstellung.

Eine Umstellung und ein Rollentausch, der so anstrengend wie wertvoll war. Denn ich muss zugeben – ich hatte vergessen, wie anstrengend solche Tage in der Klinik sein können. Und ich kannte das Gefühl nicht, nach einem langen Tag ohne Pause, ohne gegessen und getrunken zu haben, nach Hause zu kommen und direkt weitermachen zu müssen. Bestürmt zu werden, von allen Seiten. Das Bedürfnis, erstmal kurz ankommen zu wollen und sich ordnen zu müssen, durchzuatmen – das kann ich jetzt deutlich besser nachvollziehen.

Wertvoller Rollentausch – mehr Verständnis

Andersrum übrigens genauso. Diese ganze Organisation, dieser ganze Mental Load, Verabredungen, Termine, Essen, Dinge besorgen, hier da trallala – das hatte André bisher nicht so vollumfänglich übernommen und ich denke, er kann jetzt auch verstehen, warum ich oft so angestrengt und genervt bin, wenn er nach Hause kommt.

Die Kinder haben sich insgesamt dran gewöhnt, dass ich öfter außer Haus arbeite, finden es an manchen Tagen allerdings immer noch blöd. Aber ich für mich habe das Gefühl, mich viel mehr und intensiver auf sie einlassen zu können, wenn wir uns mal weniger sehen und ich nicht alles mitkriege.

Herausforderungen

Trotz allen positiven Aspekten gibt es natürlich auch Herausforderungen und nicht ganz so positive Aspekte. Bei uns ist das vor allem ein finanzieller Aspekt – die Vollzeit Einarbeitung hat uns richtig viel Geld gekostet, weil ich so viel weniger verdiene als André und er in diesen Monaten kaum arbeiten konnte. Erstens weil ich so viel in der Klinik war und zweitens, weil er auch nur die Dienste machen konnte, an denen ich zuhause war.

Das ist auch schon der zweite herausfordernde Punkt – die Organisation. Wir haben keine Kita und keine Betreuung, die meine Arbeitszeiten in der Klinik abdecken, das heißt, einer von uns muss immer zuhause sein, wir müssen unsere Dienste sehr genau aufeinander abstimmen. Bisher hat das immer gut geklappt oder meine Schwester ist eingesprungen und zum Glück kann ich bisher einfach sagen, wann ich wie arbeiten kann und das wird bei der Dienstplanung berücksichtigt.

Ein hoher Preis – nicht nur finanziell

Und der dritte Punkt ist der Schichtdienst. Wir kennen es ja nicht anders, ich habe im FSJ, in der Ausbildung und auch in der Notaufnahme im Schichtdienst gearbeitet. Aber ich brauche wohl noch etwas Zeit, um mich wieder daran zu gewöhnen. Wenn ich um 4:30 Uhr zum Frühdienst aufstehe, bin ich an den meisten Tagen danach nicht mehr für viel zu gebrauchen. Meistens muss ich einen kurzen Powernap einlegen und dann geht es wieder, aber das finde ich schon herausfordernd. Genau wie Nachtdienste, wenn man dazwischen zu wenig schlafen kann. Das wird sich einpendeln, aber ich merke, dass der Schichtdienst mir nicht so gut tut.

Genau wie das unregelmäßige Essen. Es ist schwierig, die Essenszeiten an den Familienrhythmus anzupassen, wenn man selbst einfach ganz andere Zeiten hat. Wenn ich Pause machen kann und vormittags frühstücke, um 14:30 aus der Klinik komme und riesigen Mittagshunger habe und dann esse, habe ich zur gemeinsamen Abendbrotzeit keinen Hunger sondern erst viel später wenn eigentlich schon wieder Schlafenszeit ist. Oder ich snacke nach dem Dienst nur, habe aber dann abends richtig Hunger und möchte eigentlich etwas Warmes essen, alle anderen aber nicht. Kriegt man auch alles geregelt und in den Griff aber ja, das sind die kleineren und größeren Herausforderungen.

To be continued

Als Fazit kann ich bisher sagen, dass ich sehr glücklich bin, dass ich mich getraut habe, diesen Schritt gewagt habe und nach so langer Zeit wieder zurück in die Pflege gegangen bin. Bei allen Herausforderungen definitiv ein Gewinn für mich, für uns als Paar und für uns als Familie. Ich bin gespannt, wie es sich jetzt in Teilzeit anfühlt und werde berichten.

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6 Comments

  1. Sehr spannend. Danke, dass du uns mitnimmst. Super schade, dass das so mit finanziellen Einbußen verbunden ist. Das sollte echt nicht sein.
    Liebe Grüße

  2. Hallo Johanna, vielen Dank, dass du so gut beschrieben hast , wie es dir/ euch mit der neuen beruflichen Situation ergeht. Auch wenn ich nicht aus der Pflege komme, finde ich es sehr spannend und motivierend.
    Es freut mich, dass es trotz der negativen Punkte, überwiegend eine Bereicherung für dich ist und dein Mut zu diesem Schritt mit Selbstzufriedenheit belohnt wird.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Freude und gute Nerven, die es für die Organisation und unvorhersehbaren Dinge braucht. Lg Tanja

  3. Echt cool dass du so eine lange Einarbeitungszeit hattest! Ich bin vor paar Jahren auch wieder eingestiegen nach 11 Jahren Elternzeitpause, allerdings nur nachts und nur 25%. Aber auch dafür hätte ich mir eine bessere und längere Einarbeitung gewünscht…..

    lG nuxi

    • Johanna Reply

      Oh, das glaub ich dir sofort, das ist ja auch einfach eine echt lange Zeit. Und wie gehts dir mittlerweile damit? Ich finde ja Nächte am herausfordernstem von allen Diensten, weil man danach trotz normalem Alltag noch schlafen muss…

  4. So ein mutiger Schritt von dir und von euch als Familie! Und so schön, dass er dich so glücklich macht! Alles Liebe für euch!!

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