Das Leben Eben
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Bye Bye Kleines Karussell. Ein Gespräch mit Gründerin Kirsten Scholl über das Warum, Mut und neue Wege.

Plus: Ein Blick hinter die Kulisse eines mittelgroßen Online Kids Concept Stores.

Als vor 8 Jahren der Online Kids Concept Store Kleines Karussell nur ein paar Tage vor dem Launch meines eigenen Onlineshops seine ersten Runden drehte, rutschte mir ganz schön das Herz in die Hose. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie professionell ich Kirstens Auftritt von Anfang an fand – und natürlich waren wir Konkurrentinnen. Eigentlich. Uneigentlich lernten wir uns aber auf der Ordermesse We love Playtime Paris kennen, fanden uns sympathisch, waren Essen (Margret von Hasel und Gretel war auch dabei) und haben seitdem den Kontakt gehalten. 

Ich denke so gerne an die Zeit zurück, an all die wertvollen Erfahrungen, die ich damals gemacht habe. Verrückte Jahre waren das, tolle Jahre, teure Jahre. Seit 2017 sind bei mir die Schotten dicht, ich bin nach wie vor glücklich mit der Entscheidung. Und doch denke ich manchmal darüber nach, wie es wäre, wieder einen Shop zu eröffnen. Was ich ähnlich machen würde – und was ganz anders. 

Kirstens Entscheidungsprozess, den Shop nicht mehr weiterzuführen, durfte ich in den letzten Monaten ein bisschen begleiten. Mit heißem Kaffee in den Händen sind wir vor einigen Monaten durchs klirrend kalte Ottensen spaziert und haben geredet, zugehört, uns ausgetauscht. Was soll gehen, was darf bleiben?

Irgendwann war klar – die Entscheidung steht. Zusammen mit ihrer Freundin und Journalistin Filiz Müller entsteht ein Text, der viele treue KundInnen berührt. Das Karussell dreht sich in eine andere Richtung, tschüss Online Concept Store, hallo mit Karacho zum Ausbau der Eigenmarke by Kleines Karussell

Wir haben uns getroffen, lecker gegessen, mit Mondino auf diesen Schritt angestoßen, geredet, gelacht, uns erinnert. Ein Gespräch zwischen Zweien, die sich getraut haben. Getraut, anzufangen. Und aufzuhören. 

Montag Abend im Klippkroog

Kirsten! So schön, dass wir uns sehen. Wie gehts dir jetzt nach der Verkündung, dass das Kleine Karussell sich in eine andere Richtung weiterdreht und du den Onlineshop auflöst?

Ach es ist eine Mischung aus surreal, befreit, ängstlich, gestresst. Irgendwie ist es noch nicht so richtig angekommen in meinem Kopf. Gerade funktioniere ich hauptsächlich, denn es ist ja noch einiges zu tun. Das Lager muss leer werden, gleichzeitig der neue Shop aufgebaut und der Lagerverkauf vorbereitet werden. So eine Auflösung ist wirklich viel Arbeit. Manchmal möchte man doch gern den Kopf unter die Decke stecken und hoffen, dass alles schon geschafft ist. 

Und natürlich habe ich auch täglich Ängste, denn ich habe ja noch einige Kosten die weiterlaufen und jeder Tag, der dann plötzlich ruhiger im Shop ist, stresst mich innerlich! Das muss man wirklich aushalten können. Wir haben einen wahnsinnigen Support bekommen, was schon mal richtig gut geholfen hat, aber es ist auch noch einiges zu stemmen. Deshalb freuen wir uns natürlich über jeden, der noch etwas schönes bei uns findet! 

Hier und hier findet ihr noch ein bisschen Inspiration für Frühlings-Outfits.

Die brennende Frage: Warum das Aus für Kleines Karussell?

Wir steigen gleich mal ein mit einer Community-Frage, die lautet: „Warum war der Shop so nicht mehr zu halten?“

Im Grunde kann man sagen, dass das Hin und Her der letzten zwei Jahre es einfach schwierig gemacht haben. Corona und jetzt aktuell auch der Krieg in der Ukraine haben das Kaufverhalten der Leute einfach verändert. Wir müssen als Shops für Waren in Vororder gehen und bezahlen die Ware, bevor sie verkauft ist. Dazu laufende Personal- und Mietkosten und wenn dann mal tagelang wenig gekauft wird, ist das ohne finanzielle Rückendeckung schwer aufzufangen. 

Dazu kommt, dass es sich in den letzten Jahren, vielleicht auch durch solche Engpässe, bei einigen Shops etabliert hat, ständig hohe Rabatte rauszuhauen, so dass es für andere Shops kaum möglich ist, die Ware zum vollen Preis zu verkaufen. 

Außerdem erwarten die KundInnen kostenlosen Versand und Retouren bei steigenden Preisen für Versand- und Verpackung. Das sind Aspekte, die selten bedacht werden. 

Insgesamt kannst du also sagen, dass Corona schon ein großes Gewicht bei dieser Entwicklung und Entscheidung gespielt hat, oder? 

Auf jeden Fall. Auch, wenn ganz am Anfang erstmal alle online bestellt haben, weil es gar nicht mehr anders ging. Irgendwann kamen immer wieder Bestelleinbrüche. Und ich stand natürlich auch vor der Herausforderung, eine Firma mit zehn Angestellten zu führen und gleichzeitig meine Kinder zuhause zu haben. Das unter einen Hut zu kriegen, hat wahnsinnig viel Energie gekostet, die einfach für den Shop gefehlt hat. 

Dazu kommt, dass die Order-Messen ausgefallen sind, wir mussten alles anhand von Bildern und Lookbooks und online ordern. Normalerweise sind wir vor Ort, können alles anfassen, aus dem Sortiment eine Auswahl zusammenstellen und entscheiden, was perfekt zu uns passt. Das ist mit das Schönste an dem Job und auch einfach wichtig, um die richtige Entscheidung zu treffen. Wegen Corona ging das nicht, was es nicht gerade leichter gemacht hat. 

Zeitgleich haben wir den Wechsel auf ein neues Shopsystem vorbereitet, der insgesamt ein Jahr gedauert und wahnsinnig viel Energie und Geld gekostet hat. Der Wechsel musste leider sein, weil es für das alte System kein Sicherheits-Update mehr gab. Das sind einfach diese Prozesse, die im Hintergrund laufen, sein müssen – aber keinen Spaß machen. Ich hatte plötzlich kaum noch Zeit für den kreativen Part, der mir solchen Spaß macht, sondern musste mich um technische Fragen kümmern. Und weil natürlich immer alles gleichzeitig passiert, mussten wir auch noch unseren Steuerberater wechseln. Zwei Themen, die einfach anstrengend waren und deren Last ich gern auf mehrere Schultern verteilt hätte. 

Ein weiterer Aspekt ist sicherlich, dass wir gleichzeitig auch noch unsere Eigenmarke gelauncht haben. Dabei hab ich gemerkt, wie sehr mir die Kreativität fehlt und so kam eins zum anderen. Sehr viele kräftezehrende Themen zeitgleich, die äußeren Umstände und die Sehnsucht, wieder zu gestalten und nicht mehr nur noch zu verwalten. 

Welche Rolle hat der finanzielle Druck gespielt?

Eine große tatsächlich. Wir hatten irgendwann in den zwei Jahren einen viermonatigen Bestelleinbruch. Das hat mir richtig aufs Gemüt geschlagen, ich hatte panische Angst, dass das nochmal passiert und wir Rechnungen nicht rechtzeitig bezahlen können. Ab diesem Moment hatte ich das Gefühl, ich muss funktionieren, komme was wolle. Ich hatte Angst, die schon bestellte Herbst-/Winter-Ware nicht mehr loszuwerden und in dem Zuge ist der Gedanke immer mehr gereift, dass es so nicht weitergehen kann. Kurz vor Weihnachten letzten Jahres kamen dann auch noch gesundheitliche Probleme meiner Mutter dazu und es wurde klar, auch die Lagerorganisation in Laboe wird auf Dauer nicht mehr wie bisher funktionieren. Es musste also eine Entscheidung her und die habe ich getroffen. 

Würdest du sagen, dass du ohne Corona den Shop auch geschlossen hättest? 

Ich kann es natürlich nicht hundertprozentig sagen, aber nein, ich glaube nicht. Corona hat mich persönlich einfach in der Rolle als Firmeninhaberin, Chefin und Mutter so sehr gefordert wie vorher nichts anderes. Es war wirklich schwer, mit Kindern zuhause den Arbeitsalltag und Homeschooling unter einen Hut zu bringen. Mein Mann und ich haben versucht, das aufzuteilen, aber er hat auch einen Vollzeitjob. Wir sind einfach an unsere Grenzen gekommen, ich konnte nicht die 100% in den Shop stecken, die er gebraucht hätte. Und hab vielleicht auch Entscheidungen getroffen, die ich unter anderen Bedingungen anders getroffen hätte. 

Durch Corona waren außerdem auch noch andere Rahmenbedingungen unberechenbar. Ware kam zum Teil so viel zu spät, dass die Saison schon fast zu Ende war. Dadurch war die Zeit, die Ware zum vollen Preis, bevor der Sale startet, viel kürzer. Dann kam Ware mal auch gar nicht und insgesamt wurde alles teurer. Ich denke, ohne Corona wär das anders gelaufen.

Würdest du aus heutiger Sicht noch mal einen Shop gründen und wenn ja, was würdest du anders machen?

Wenn ich jetzt nein sagen würde, hieße es ja, dass ich bereue, dass ich es gemacht habe. Das tue ich auf keinen Fall. Ich hab die Zeit sehr genossen, auch wenn die letzten zwei Jahre einfach herausfordernd waren. Nichtsdestotrotz hat es mir riesigen Spaß gemacht, den Shop zu entwickeln und aufzubauen, den Kontakt zu KundInnen zu haben.  

Mein Team hat mich sehr bereichert und mir total viel Freude bereitet, wir hatten einfach eine schöne Zeit. 

Beim nächsten Mal würde ich direkt das Lager outsourcen. Damit mein Fokus auf dem Shop und dessen Funktionen liegen könnte und ich mich nicht so viel um das Drumherum kümmern muss. Der Vorteil eines eigenen Lagers ist natürlich, dass wir sehr flexibel auf kurzfristige Änderungswünsche der KundInnen eingehen konnten, wenn zum Beispiel jemand doch eine andere Größe oder Farbe wollte. Trotzdem hat es sehr viel Energie gekostet, die ich für andere Bereiche gebraucht hätte. 

Inwiefern hat es Energie gekostet, das Lager zu organisieren?

Die Führung und Einteilung der MitarbeiterInnen, das heißt, darauf zu achten, wer wann da ist, wer wann Urlaub hat. Alles rund ums Versenden der Pakete, also wie versenden wir, sind genug Kartons in der richtigen Größe da. Neue Ware einsortieren, Retouren bearbeiten, all diese Prozesse im Hintergrund, die KundInnen gar nicht wirklich mitbekommen. Meine Mutter hat einen großen Teil davon übernommen, aber ich war immer mit eingebunden und das hat einfach Energie und Zeit gekostet. 

Die Prozesse rund um die Logistik der Warenannahme und des Versendens fallen weg, wenn das Lager von einem Fullfillment Center übernommen wird. Das würde ich rückblickend anders machen, wobei mir wichtig zu sagen ist, dass ich mit meinen MitarbeiterInnen und dem Lager nie unzufrieden war. Es geht allein darum, besser mit meinen Ressourcen zu haushalten und mich auf das Kerngeschäft des Onlinehandels, Ein- und Verkaufen, zu konzentrieren. 

Wenn du noch mal starten würdest, würdest du dir direkt einen Partner oder eine Partnerin mit ins Boot – oder Karussell – holen? Das klang ein paar Mal so durch und bei mir war das ein Punkt, den ich auf jeden Fall bejaht hätte. 

Ich hatte ja mit meiner Mutter eine Partnerin, weil sie sich um das gesamte Lager gekümmert hat. Bei einem Neustart würde ich mir aber eine oder einen GeschäftspartnerIn an meiner Seite wünschen, der die gesamte Verantwortung mit mir teilt. Mit dem ich mich austauschen kann wenn es um wichtige Entscheidungen geht, damit das eben nicht alles allein auf meinen Schultern lastet. Am Ende konnte ich natürlich alles allein entscheiden, musste dann aber auch mit den Konsequenzen leben. 

Was für einen Unterschied es macht, sich auch mal besprechen zu können, habe ich bei der Gründung unserer Eigenmarke gemerkt. Hier habe ich eine freiberufliche Partnerin, mit der ich die gesamte Marke zusammen entwickelt habe. Das hat so viel Spaß gemacht und mir ist dadurch klar geworden, dass mir das im Shop manchmal gefehlt hat. 

Klar, das ist einfach was anderes, wenn man die Last auf mehreren Schultern verteilen kann. 

Und man kann auch nochmal ganz anders kreativ sein, wenn man zu zweit ist. Kann Ideen hinterfragen und verbessern, wird gepusht, wenn der andere kritisch hinterfragt. Das fehlt einfach, wenn man alleine ist.

Und was würdest du wieder genau so machen?

Ich würde ganz klar wieder den Fokus auf Kundenzufriedenheit legen. Am Ende ist der/die KundIn KönigIn. Er oder sie soll zufrieden und glücklich sein und ein schönes Shoppingerlebnis haben. Das haben wir auch sehr gut gemacht, glaube ich. Wir haben immer versucht, einen super KundInnenservice zu liefern und haben von unseren KundInnen häufig auch die Rückmeldung bekommen, dass wir das geschafft haben.

Das merkt man ja auch an der Stammkundschaft, die ihr habt. Es sind ja viele wirklich seit Jahren dabei und kaufen immer wieder bei euch. 

Genau. Wir haben viele KundInnen, die uns seit Geburt ihrer Babys die Treue halten. Das macht man ja nur, wenn der Service stimmt. Genauso würde ich übrigens auch immer wieder versuchen, möglichst viele kleine Labels zu finden und denen eine Chance zu geben, statt auf die Großen zu setzen. 

Ja, das fand ich auch immer spannend, kleine Marken zu entdecken. Voll gut. Und woran erinnerst du dich am Liebsten zurück? Ist dir irgendwas ganz besonders in Erinnerung geblieben? 

Da gibts sehr viele Momente. Diverse Launches (von neuen Kollektionen), bei denen wir gemerkt haben, dass wir genau den Nerv unserer Kundschaft getroffen haben, weil die an den Tagen sofort die Kollektion leergekauft hat. Dann natürlich viele tolle Kontakte, die wir über die Jahre zu anderen Shop-Besitzerinnen geknüpft haben, mit denen wir immer in engem Austausch standen. Ich habe dadurch sehr viele Bekannte und Freundinnen, wie ja auch dich, kennengelernt. Das war eine Bereicherung.

Und natürlich auch der Launch unserer eigenen Kollektion. Wir wussten ja erst nicht, wie unsere KundInnen darauf reagieren würden und dass die Marke so gut angenommen wurde, war einfach superschön. 

Das passt ja perfekt zu der Frage aus der Community: „Was machst du in Zukunft?„.

Ich konzentriere mich auf die Eigenmarke, weil ich gemerkt habe, dass beides nebeneinander kaum zu schaffen ist, wenn man es gut machen will. Erst Recht nicht, wenn man bedenkt, dass ich als Mutter von Zwillingen irgendwann auch noch Zeit für meine Kinder haben möchte.

Statt einen Shop in der Größe zu führen, dabei zu merken, dass ich die Eigenmarke eigentlich gern weiterentwickeln würde und keinem Part mehr richtig gerecht zu werden, lege ich meinen Fokus wieder auf eine Sache. 

Das bedeutet natürlich, dass wir uns wahnsinnig verkleinern werden. Und auch, dass ich erstmal mein Team verliere, weil wir mit dem Brand natürlich keine vergleichbaren Umsätze wie mit dem Shop haben. Aber es bedeutet für mich einfach auch wieder ein bisschen mehr Freiheit, durchatmen und zurück zu den Wurzeln. Ich freu mich sehr darauf, etwas Neues aufzubauen und eine Marke zu kreieren, das macht einfach Spaß. 

Macht einen Businessplan und dann: los geht’s, traut euch! Habt den Mut, euch auszuprobieren!

Zum Thema Neustart haben wir auch noch eine Community-Frage: „Was rätst du ExistenzgründerInnen?“

Erstens: Macht einen Businessplan! Das haben wir nicht gemacht, bei einer nächsten Gründung würde ich es aber auf jeden Fall machen und immer empfehlen.

Aber dann rate ich dazu, einfach Mut zu haben. Den Mut, nicht alles hundertprozentig zu durchdenken. Oder zu zerdenken. Am Ende kann man manche Sachen einfach nicht planen. Wie die Leute reagieren zum Beispiel. Man muss sich einfach mal trauen, auch einkalkulieren, eventuell Geld in den Sand zu setzen. Aber wenn man es nicht probiert, weiß man auch nicht, was man gewinnen kann. 

Das empfinde ich als eine meiner Stärken, dass ich oft einfach gemacht habe. Vielen kleinen Marken mein Vertrauen geschenkt habe, die noch nicht auf dem deutschen Markt waren, von denen ich nicht wusste, wie sie ankommen. Ich war mutig, habe ausprobiert und das hat uns auch ausgemacht. Diesen Mut braucht man als GründerIn. Mut und das man macht und nicht nur auf Ideen rum denkt.

Das Gleiche gilt für diesen Schritt jetzt. Ich habe so viel Feedback bekommen, dass das so mutig ist. Klar ist das ein großer Schritt. Von einem großen Unternehmen mit hohem Umsatz zu einem viel kleineren Unternehmen mit deutlich weniger Umsatz. Aber auch hier muss man einfach auch gucken, was sich gut anfühlt, was man wirklich will und was für einen selbst auch gesund ist. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, so kann man es einfach sagen. 

Gescheitert?

Total schön, dass du das so sagst. Ich hab mich noch gefragt, auch aus meiner eigenen Erfahrung, ob du es als Scheitern empfindest, dass du den Shop jetzt schließt? Auf mich wirkt es nicht so. Eher, als ob Kleines Karussell gut gewesen ist die letzten sieben Jahre und sich jetzt einfach die Richtung ändert. Wie du ja auch geschrieben hast. 

Ja, sehr gute Frage. Ich komme vom Dorf und natürlich kam bei meinen Eltern kurz der Gedanke auf, was die anderen Leute denken. Ob die denken, dass ich gescheitert bin, wenn ich aufhöre. Ich sehe es allerdings überhaupt nicht so. Wir haben eine so tolle Marke aufgebaut, vom Gefühl her und die Kommentare jetzt zeigen das auch nochmal ganz deutlich. Auch, wenn die Reise jetzt in eine andere Richtung geht – die letzten sieben Jahre waren ja nicht umsonst. Wir bauen auf das auf, was wir erschaffen und gelernt haben. Auf das Vertrauen der Kundschaft, das wir uns erarbeitet haben und das nehmen wir ja mit. Insofern – nein, ich sehe es nicht als Scheitern. 

Im Gegenteil, ich sehe es als Erfolg, wenn ich mir angucke, wie wir gestartet sind. Aus einem kleinen Raum heraus, mit 25.000 Euro Startkapital haben wir dieses Unternehmen geschaffen. Auf jeden Fall, ein Erfolg. 

Das sehe ich auch so. Ich finde, du kannst sehr stolz sein auf dich. Die Entscheidung ist dir aber vermutlich trotzdem schwer gefallen, oder? 

Natürlich. Der Shop ist mein drittes Kind, das parallel mit meinen Kindern gewachsen ist. Wir waren ja auch ein Familienunternehmen, meine Eltern waren beide bei uns beschäftigt, viele der Angestellten kenne ich seit Jahren. Klar ist mir das schwer gefallen. Den Mitarbeiterinnen zu sagen, dass dieser Traum zu Ende geht, das ist das Schwerste, das ich in meinem Jobleben bisher gemacht habe. Obwohl meine MitarbeiterInnen toll reagiert haben, mit ganz viel Verständnis, trotz Enttäuschung und Traurigkeit.

Aber klar, keine leichte Entscheidung, nichts, was von heute auf morgen kommt. Und irgendwo ploppt natürlich immer mal wieder die Frage auf, ob das die richtige Entscheidung war. Die Zukunft wird’s zeigen und manche Wege muss man einfach gehen, um zu wissen, wo sie hinführen. 

Es war auf jeden Fall keine spontane Weinlaunen-Entscheidung.

Nein. Es hat viele Gespräche gekostet, viele wache Nächte und tränenreiche Stunden. Meine Kinder wollten die Firma eigentlich später übernehmen, aber auch sie haben natürlich gemerkt, dass mich das aufgefressen hat in den letzten Jahren. Das war schon richtig. Hoffe ich. 

Ach ja, bestimmt. Ich glaube, wenn man erstmal den Gedanken gefasst hat, aufzuhören und dann nicht irgendwas ganz Gravierendes passiert, dass es sich wieder in eine andere Richtung entwickelt, sich wieder gut und richtig anfühlt, dann ist die Entscheidung auch die Richtige. 

Stimmt. Wenn der Gedanke erstmal da ist, ist irgendwas nicht in Ordnung. Trotzdem kommen natürlich immer wieder mal Momente auf, in denen mir bewusst wird, wie viel ich da aufgebe. An Tagen, an denen es gut läuft im Shop. Aber dann kommen wieder die Tage, an denen es ruhig ist und mit ihnen der Druck. Der Druck, nicht genug zu verkaufen, nicht genug einzunehmen. Dieses Auf und Ab, das frisst einen echt auf und diesem Druck standzuhalten, wenn man keine riesigen finanziellen Rücklagen hat – das ist einfach krass. 

Hast du eigentlich mal richtig Urlaub gemacht in den letzten sieben Jahren? So dass du mal zwei Wochen lang nicht erreichbar warst? 

Ja, einmal in den sieben Jahren hatte ich fast zwei Wochen, in denen ich nichts von meinem Team gehört habe. 

Wahnsinn, ein einziges Mal in sieben Jahren. Was für eine Dauerbelastung…

Ja klar, ich glaube, das ist vielleicht auch ein Problem, das man sich selbst macht. Aber es gab sonst einfach immer Themen, für die nur ich Ansprechpartnerin sein konnte. Aber ich will meinem Team da auch gar keinen Vorwurf machen, uns fehlten da zum Teil die Ressourcen. Und ich konnte sicher auch manchmal schwer abgeben.

Darum gehts auch gar nicht, dem Team einen Vorwurf zu machen. Ich glaube, das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Dass wir erwarten, dass ChefInnen immer erreichbar sind. Dass Pausen als Schwäche ausgelegt werden, dass Arbeit über alles geht. Das ist überhaupt nicht förderlich und nicht zukunftsfähig. Deswegen finde ich, jedes „Aufgeben“ ist ein totaler Gewinn. Weil man damit zeigt, dass es so nicht weiter geht. 

Absolut. Selbstständig bedeutet eben auch selbst und ständig. Es sei denn, man hat eben eine oder einen GeschäftspartnerIn an seiner Seite, der das auffangen kann. Ansonsten kann man nicht sagen: ich kümmere mich einfach mal zwei Wochen nicht. Das geht einfach nicht. Aber genau das hat mich so an meine Grenzen gebracht. Die Erholung fehlt. 

Genau. Die Erholung kann man ja auch nicht nachholen. Und sagen: Ach, wir machen einfach mal vier Wochen Pause klappt auch nicht, oder? 

Stimmt. Wenn wir vier Wochen zumachen, keine Bestellungen haben, nicht versenden, dann fehlt uns das Geld, wir müssen ja trotzdem MitarbeiterInnen bezahlen, die Räume, die Ware. 

Kann man denn überhaupt noch gründen im Onlineshop Bereich, bei den gestiegenen Ansprüchen und den Erwartungen, ohne wirklich viel Kapital im Hintergrund? 

Ich glaube, es funktioniert besser, wenn man kleiner bleibt oder ein wirklich massives Wachstum schafft. 

Aber auch total schade, wenn man sagt, man wächst nicht, oder? Dann wird das immer so als Hobby belächelt. Man wird nicht ernst genommen und es ist ein Teufelskreis, weil wenn wenig Ware da ist, wird auch weniger gekauft. 

Genau. Aber wie es richtig funktioniert, kann ich auch nicht sagen. Im Kleinen wahrscheinlich, indem man die Kosten für Personal und Miete so gering wie möglich hält. Aber dann schafft man es einfach ab einem bestimmten Punkt nicht mehr. Irgendwann kommt der Moment, in dem es für eine Person zu viel ist. Und das ist der Zeitpunkt, zu dem es kippt. Der Moment, in dem nur noch großes Investment bleibt oder wieder alles runterzufahren. 

Ich weiß genau, was du meinst, so war es bei mir im Kleinen ja auch. Es war zu viel Arbeit, um sie noch allein zu schaffen, aber ich hab nicht genug verdient, um jemanden einzustellen. Ein Dazwischen-Dilemma, kann man sagen. Meinst du, das liegt auch mit an der Erwartungshaltung, die die große Masse an KonsumentInnen mittlerweile durch Amazon hat? Dieses „alles immer verfügbar und schon ein Augenzwinkern nach der Bestellung an der Haustür“?

Ja. Der Anspruch ist riesengroß. Es wird erwartet, dass alles super schnell da ist und auch, dass alles kostenlos ist. Retouren zum Beispiel. 

Das erinnert mich so an meine Story, die ich im Nachhinein immer noch nicht glauben kann. Eine Kundin hat eine Retoure abgeschickt und mir am selben Abend um 23:30 Uhr – da war das Paket ja noch gar nicht bei mir angekommen – geschrieben, dass ich gefälligst das Geld zurück überweisen soll. Das war auch mein Punkt, an dem ich gedacht habe: Nee. Das kann so nicht weitergehen.  

Retouren und überhaupt Versandkosten sind ja auch so ein Thema. Wir hatten wahnsinnig Versandkosten, weil natürlich viele über die Schwelle für den versandkostenfreien Versand kommen und wenn dann auch noch die Rücksendung kostenlos ist, wird das ein riesiger Batzen. Das würde ich tatsächlich auch im nächsten Shop nicht mehr anbieten. 

Was wünschst du dir für die Zukunft von Onlineshops? 

Dass es eine einheitliche Regel zu den Versandkosten gibt, dass Retouren nicht mehr kostenfrei angeboten werden. Das würde auch verhindern, dass mehrere Größen zur Auswahl bestellt oder ganze Bestellungen zurückgeschickt werden. Wenn man in die Stadt shoppen fährt, zahlt man in den meisten Fällen auch ein Parkticket für die Zeit. Ein Paket, mit dem wir keinen Umsatz machen, kostet uns 30 Euro, das ist einfach viel Geld, wenn es häufiger vorkommt. Und KundInnen machen sich darüber oft keine Gedanken, glaube ich. Es kann immer mal etwas nicht passen, da ist es auch kein Problem, etwas zurückzuschicken. Aber es gibt KundInnen, die bestellen immer wieder – und schicken jedes Mal die gesamte Bestellung wieder zurück. 

Und wieder auch das Thema Rabattcodes. Seit ein paar Jahren hauen manche Shops zu jedem nur erdenklichen Anlass einen Rabattcode raus, zusätzlich zu den regulären Sales. Dann noch Blogger-Kooperationen, bei denen es auch oft Rabatte gibt, dann ist kaum noch Zeit übrig, die Ware zum vollen Preis zu verkaufen. Aber wir müssen ja auch Geld verdienen, um Fixkosten zu zahlen. Ich kann meine MitarbeiterInnen nicht bezahlen, wenn ich dauerhaft 25% Rabatt gebe. 

Gibt es einen pauschalen Richtwert, bei dem man sagen kann: ab so und so viel Prozent Rabatt ist ein Verkauf nicht mehr rentabel? 

Über den Daumen gepeilt sind das 15% Rabatt. Dabei verdient man noch ein bisschen was, alles darüber hinaus ist in der Regel nicht mehr rentabel. 

Die Frage ist dann: Warum machen trotzdem so viele Shops bei der Rabattschlacht mit? 

Manche sicherlich, um schnell Geld reinzubekommen, um die Vor-Order-Rechnungen bezahlen zu können. Und andere nutzen das auch als Verdrängungsmechanismus. Um selbst groß zu werden, die Konkurrenz zu verkleinern. 

Aber schneidet man sich damit nicht ins eigene Fleisch? Die KundInnen gewöhnen sich ja an die hohen Rabatte und selbst, wenn die Konkurrenz plötzlich kleiner ist, sind sie ja dann vermutlich nicht bereit, wieder immer den vollen Preis zu zahlen.

Ja, glaube ich auch. Es muss ein generelles Umdenken stattfinden. Wir können nicht wollen, dass alles fair und nachhaltig produziert ist, aus Bio-Baumwolle oder anderen nachhaltigen Materialien, aber den Preis nicht bezahlen wollen. 

Zu Fairness gehört für mich neben fairer Bezahlung und Produktionsbedingungen auch ein fairer Umgang mit der Konkurrenz. Ich finde, das ist viel mehr eine Einstellungssache  als nur an einzelne Aspekte geknüpft.

Da bin ich total bei dir. Wir haben immer versucht, dieses Spiel nicht mitzuspielen. Klar haben wir auch Blogger-Kooperationen gemacht. Und es ist auch schön, wenn durch solche Rabatte sich auch Menschen unsere Kleidung leisten können, die es sonst nicht können. Das steht außer Frage. Aber es darf nicht darum gehen, sich immer mehr zu unterbieten. Am Ende wollen wir alle etwas von dem Kuchen abhaben und wenn alle fair miteinander spielen, ist der Kuchen auch groß genug. 

Ist er das? Oder gibt es mittlerweile auch einfach zu viele Online Kids Concepts Stores, die sich zu wenig voneinander unterscheiden? Ist der Markt vielleicht einfach übersättigt? 

Es sind während Corona einige neue Shops entstanden, die sicherlich alle ihre Daseinsberechtigung haben. Aber klar, der Markt ist irgendwann doch auch gesättigt von zu viel Ähnlichkeit. Die Branche hat sich in den letzten Jahren einfach gewandelt. Vor ein paar Jahren war es vielen Marken beispielsweise noch wichtig, nicht überall vertreten und besonders zu sein. Heute geht es vielen hauptsächlich um Wachstum, da ist es dann auch egal, wenn sie am Ende doch überall zu haben sind. Ich glaube, wenn jeder mehr sein eigenes Ding macht, individueller ist, dann ist auch genug Platz für alle da. 

Das klingt sehr schön, finde ich. Davon profitieren ja auch alle am Meisten, die Labels, die KundInnen und am Ende dadurch die Shops.

Zu guter Letzt: Wie gehts weiter? Was sind die nächsten Schritte? 

Gerade sind wir natürlich dabei, das Lager leerzuräumen. Dafür läuft ein großer Ausverkauf, alles ist von 35%-70% reduziert.

Jede Bestellung hilft und freut uns sehr, wir möchte natürlich so wenig Ware wie möglich übrig haben.

Für den 20.-23.6. planen wir einen Lagerverkauf in der Bismarkstraße 88, da können alle KundInnen aus Hamburg nochmal vorbeikommen, stöbern und tolle Schnäppchen machen. Parallel baue ich den neuen Shop für unsere Eigenmarke auf und im Juli möchte ich gern ein bisschen Pause machen. Eine Versandpause bedeutet das aber nicht, ich habe ein Fullfillment gefunden, das den Versand für uns übernimmt. Mal sehen, ob alles so klappt, wie ich es mir vorstelle. Es bleibt spannend!

Kirsten! Es war mir ein Fest, mit dir noch mal alle Hochs und Tiefs deiner Karussellfahrt Revue passieren zu lassen. Es war ein unvergesslicher Ritt, ich danke dir für dein Vertrauen, deine Offenheit und dass ich dich auf deinem Weg begleiten darf.

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