Das Leben Eben
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Zwischen Gaspedal und Handbremse

Wie ich zum ersten Mal nach 8 Jahren wieder Auto gefahren bin

Oder: nach der eineinhalb Jahre langen Bremsspur stottert der Motor erstmal, bevor er wieder Fahrt aufnimmt.


„Du kannst nicht einfach so weitermachen.“ flüstert eine Stimme in meinem Kopf.
„Du brauchst ein Spektakel, einen Relaunch, ein BIG BANG, einen (Content) Plan für mindestens ein Jahr, bevor du wieder loslegst. Du musst Trends setzen, statt ihnen hinterher zu hetzen!“.

Mein Herz klopft, ich spüre es bis zum Hals. Ich denke zurück an Anfang 2020: Krippeneingewöhnung, Pläne, Posts, Pinkepank. Ein bisschen mehr wieder Ich sein. Damit sollte es weitergehen. Ich spüre noch meinen Fuß auf dem Gaspedal, wie ich es langsam, aber sicher, durchtrete. Und dann: Vollbremsung und eine eineinhalb Jahre lange Bremsspur. Die Trümmer liegen noch auf dem Seitenstreifen.

Jetzt ist Ella in der Kita, Homeschooling zum Glück gerade kein Thema mehr, Hirn und Herz brodeln, ich will loslegen, das Gaspedal durchtreten und Staub aufwirbeln. Geschichten erzählen, Worte jonglieren, Gefühle transportieren, Herzblut nach draußen tragen.

Aber mit dem Losschreiben, Losproduzieren, Loslegen ist es wie mit dem Losfahren vor kurzem in echt.

Hallo Handbremse!

Auto gefahren bin ich bestimmt 7 Jahre nicht mehr. Oder acht? Einfach, weil ich in Hamburg so gut wie nie ein Auto brauche, lange alles mit dem Fahrrad oder zu Fuß gemacht habe. Nur: einige meiner Freundinnen wohnen jetzt nicht mehr in Hamburg. Auch nicht mehr so dicht, dass der Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln easy peasy wäre. Zu ihrem Geburtstag im April wollte ich meine Freundin Dani aber trotzdem gern sehen. Ohne Kinder, ohne auf den Mann als Chauffeur angewiesen zu sein. Also lautete mein Herzklopfen-Plan: selbst fahren.

Ich bereitete mich gut vor, suchte die Route raus, hatte das Navi am Start und fühlte mich auf dem Weg zum Auto, mit dem schweren Schlüssel in der Hand, plötzlich wieder wie 18. Wobei – damals hatte ich wenigstens annähernd sowas wie eine Routine beim Auto fahren.

Auto-Angst nach Fahrpause

Diesmal war ich einfach aufgeregt. Angespannt. Hatte Angst, sofort einen Unfall zu bauen. Die Pedale zu verwechseln, Kupplung, Bremse, Gas. Nicht durchzublicken im Großstadt-Dschungel. Oder den Verkehr zu blockieren und über den Stau-Hubschrauber als Verkehrshindernis enttarnt zu werden.

So viel zu meinen Vorstellungen, die ich vor meiner ersten Autofahrt nach sieben oder acht Jahren hatte.
Den Schlüssel ins Schloss zu stecken, den Sitz nach vorne zu schieben und die Spiegel einzustellen fühlte sich dann erstmal vor allem normal an. Gewohnt, ich wusste noch, wie das alles geht. Aus meinem Herzklopfen wurde ein euphorisches Hüpfen und ich dachte: „Los gehts! Einfach machen!“.

„Ich kann das nicht.“ flüsterte da plötzlich eine Stimme in meinem Kopf.

„Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht.“.

Meine Hände am Lenkrad wurden langsam feucht, mein Fuß und das Gaspedal fanden nicht zusammen.
Die Minuten schienen zu rasen, mein Zeitfenster schrumpfte, ich stellte mir mich da im Auto sitzend vor, gab mir einen Ruck und ersetzte: „Ich kann nicht.“ durch „Ich kann das und ich schaffe das.“.

Ready, Set, Go!

Ich fuhr los – und kam nicht vom Fleck. Rückwärts ausparken, schlechte Sicht, viel befahrene Straße, vom Bürgersteig runter…es hakte. Aber jetzt wollte ich auch. Ich gab Gas, traute mich und siehe da – es ging. Mit Herzklopfen, Zittern und viel langsamer, als es den anderen Autofahrer:innen hinter mir vermutlich lieb gewesen wäre. Vorsichtig fuhr ich los, als ich fast schon da sein wollte. Aber ich fuhr. Und kam mit minimalem Umweg auch an.

Jetzt sitze ich wieder da, mein Fuß berührt das Gaspedal, aber mehr als kurz tippen und herzstolpernd resignierend wieder loslassen ist nicht drin. Die leere Seite liegt vor mir, die Finger auf den Tasten, der Cursor blinkt.

„Du kannst nicht einfach da weitermachen, wo du aufgehört hast.“ flüstert es in meinem Kopf. „Du musst etwas bieten, musst mehr Wert sein, jeder Post muss eine Problemlösung bieten. Professionell fotografiert, mit Texten wie flüssige Schokolade (zum Reinlegen gut), zum Teilen für die unterschiedlichsten Plattformen perfekt aufbereitet. Oder wenigstens witzig sein.“.

Ich atme ein, versuche, der Stimme in meinem Kopf etwas entgegenzusetzen.

Die Stimme in meinem Kopf

„So zu sein wie vor ein paar Jahren reicht nicht mehr. Du musst dich neu erfinden, etwas bieten. Guck dich um, alle haben dich überholt, schießen einen Text nach dem anderen aus der Hüfte, schreiben Bücher, kreieren Kollektionen, haben ein schier unerschöpfliches Kontingent an Kreativität und Profi-Fotos, sehen dabei blendend aus und sind glücklich. Zahnpastaweiße Leichtigkeit überall. Es reicht nicht mehr, über die Herausforderungen zu schreiben, das tun mittlerweile so viele. Und viel besser. Häufiger. Nörgelresistenter. Du kannst nicht einfach werden, du musst schon sein.“.

Ich atme aus.

„Was willst du eigentlich? Du weißt es nicht, redest von Gaspedal und trippelst seit Jahren auf der Stelle. Oder im Kreis. Wie viel gibst du Preis, wo willst du hin? Ist es das wert? Der Ton ist rau geworden, willst du das so noch? Wofür? Alle machen nur noch das Gleiche, alles war schon da, wurde schon mal gesehen.“.

Mein Fuß auf dem Pedal regt sich. Meine Finger fliegen los, der Text fließt und mich selbst schreiben zu hören ist, als ob ein viel zu lange nicht gespieltes Lieblingslied durch die Luft schwebt. Und mein Stück, kreiert aus meinen Noten, fügt sich Stück für Stück zusammen.


Zum Thema Auto fahren nach langer Zeit und ihrer Angst davor hat Alexa von Heyden auf OhhhMhhh übrigens auch einen schönen Artikel geschrieben. Hier gehts wirklich nur darum, sich nach langer Zeit wieder ans Steuer zu setzen und Alexa verrät, wie sie es geschafft hat, Angst und Stress zu besiegen.

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