Das Leben Eben
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Alltagsgeschichten – von Abschiedsschmerz und neuer Freiheit. Krippen-Eingewöhnung, die Dritte

Alltagsgeschichten - von Abschiedsschmerz und neuer Freiheit. Krippen-Eingewöhnung, die Dritte

Heute gehts los, die Krippeneingewöhnung meiner Kleinsten. Die Zeit rast. Wie ein Wimpernschlag, ein Augenklimpern erscheinen mir die letzten 19 Monate im Rückblick. Ich sitze unter der heißen Dusche und sinniere. Über sie, mein Baby. Über mich, als ich. Und über mich, als Mama. Über mich als die Vielen, die ich bin. Über uns, über Familie. Ich trauere ein bisschen um die kuschelweiche Babyzeit, die oft gar nicht so wattig ist – aber es im Rückblick oft scheint. Ich trauere auch um das Ende dieser Lebensphase, der Phase des Kinderkriegens. Babybäuche und winzige Säuglinge machen mich sehnsüchtig, ich wünsche mich zurück, wünschte, ich hätte das alles noch mal vor mir.

Wünsche mir diesen Moment, der dein ganzes Leben verändert. Wenn plötzlich auf dem Test die lang ersehnten, so sehr erhofften und doch auch ein bisschen gefürchteten zwei Linien auftauchen. Oder noch eindeutiger: das Wort „schwanger“.

Ich wünsche mich zurück in die Momente, in denen das Baby plötzlich zu spüren ist. Ganz zart. Und dann ganz deutlich. Wünsche mir dieses Gefühl der Verwunderung, des Staunens und der Hochachtung darüber, wozu der weibliche Körper in der Lage ist, zurück. Und das Gefühl, unter der Geburt der stärkste Mensch der Welt zu sein. Unbesiegbar.

Alltagsgeschichten - von Abschiedsschmerz und neuer Freiheit. Krippen-Eingewöhnung, die Dritte

Ich wünsche mir all die ersten Male zurück, den ersten Blick in diese Augen, den ersten Kuss auf die Nasenspitze, den Kopf. Dieses glückselige Herzstolpern, gepaart mit ungläubigem Kopfschütteln.

Das Wasser plätschert auf mich herunter, so heiß, dass ich es gerade noch aushalten kann. Die Wärme tut meinem Rücken so gut. Und ich sinniere und verkläre, in meiner kleinen Trauer um diese Phase des Lebens. Um die Babyzeit. Meine Rückenschmerzen, die Rektusdiaste, der dadurch so vorgewölbte Bauch, der immer noch wie restschwanger aussieht, es aber nicht ist. Sie erinnern mich daran, dass es bei all dem Wehmut Zeit wird. Zeit für mich.

Der Geruch von Freiheit

Und unter die Sehnsucht und die Trauer mischen sich bunte Gefühle. Vorfreude. Aufregung. Der Geschmack von Freizeit. Paarzeit. Von ungestörten Stunden, von Gedanken, die von vorne bis hinten, quer und hoch und runter gedacht werden können. Von ununterbrochenen Sätzen. Von Stunden, in denen meine Finger über die Tasten flitzen, von der Möglichkeit, mich noch mal weiterzubilden. Ein Praktikum zu machen. Zu studieren.

Yoga zu machen, einen Urlaub allein. Okay, hier spielt auch noch das Stillen eine Rolle. Aber egal, egal.

Ein paar Stunden am Tag reichen erstmal. Stunden, in denen ich wieder Johanna sein kann.

„Hallo, Rabenmutter? Hier ist das schlechte Gewissen!“

Und sofort meldet es sich, das schlechte Gewissen. Dieses verdammte, schlechte Gewissen. Es zischt mir spöttisch ins Ohr und von dort direkt ins Herz:

„Als ob du nicht du sein könntest mit den Kindern. Als ob du nicht zum Sport gehen könntest mit Kindern. Trotz Kindern. Als ob.“.

„Hättet ihr euch eben besser organisieren müssen. Struktur, klare Abläufe! Das ist der Schlüssel.“.

„Hm, vielleicht wäre es doch besser bei zwei Kindern geblieben?“.

„Wieso brauchst du eigentlich Zeit für dich? Ruhe? Sport? Du wolltest doch Kinder. Nur, um sie dann abzuschieben?“.

Alltagsgeschichten - von Abschiedsschmerz und neuer Freiheit. Krippen-Eingewöhnung, die Dritte

Die Krippe, das Dorf

Ich atme tief ein und schüttle die Stimme aus meinem Kopf. Denke daran, wie viel leichter und schöner unser Familienleben ist, wenn es auch mir gut geht. Wenn ich auch mal Zeit zum durchatmen habe. Wie viel konzentrierter und aufmerksamer ich den Kindern zuhören kann. Mit Herz und Kopf und Verstand. Statt nur mit müden Augen und automatischem Kopfnicken. Hören und sehen statt nur vorbeirauschen zu lassen.

Es ist okay, traurig zu sein, dass dieser Lebensabschnitt, zuhause mit dem Baby, zuhause mit dem Kleinkind, zu Ende ist. Es ist okay, zu trauen. Auch, wenn man sich selbst bewusst für den nächsten Schritt entschieden hat. Es ist okay, die Babyzeit zu vermissen, das Baby im Kind nicht loslassen zu wollen und sich trotzdem auf das größer werdende Kind zu freuen. Auf all die Abenteuer, die kommen. Auf all das, was möglich wird.

Heute gehts los. Krippeneingewöhnung, die Dritte.

Mama Bird. Krippeneingewöhnung, Abschiedsschmerz und endlich wieder mehr Zeit für mich

Ich bereite ihr ein zweites Nest, gemütlich, geborgen und warm. Einen Ort, an dem sie sich wohl fühlt und Spaß hat. Und für ein paar Stunden am Tag werde ich flügge.

17 Kommentare

  1. mimi sagt

    Liebe Johanna,

    ich lese schon lange auf Insta und auf deinem Blog hier mit, ich habe ebenfalls drei Kinder, das jüngst jetzt 2, dann 5 und 7 Jahre. Und ich kann gerade diese Trauer über den nun unwiederbringlich vorbeigezogenen Lebensabschnitt so so gut verstehen! Diese Zerrissenheit zwischen „Ja, es ist gut so und auch total schön, dass es weitergeht, denn nochmal schwanger, noch ein Herz, das außerhalb deiner Brust rumläuft, das kann ich nervlich einfach nicht ertragen“ und „oh man, diese ersten Male, diese im Nachhinein total verklärten ersten Male, dieses Wunder Mensch, der das Leben so verändert, all das ist vorbei“. Gerade wenn man im Bekanntenkreis junge Paare sieht, die zum ersten Mal Eltern werden, die so viel noch vor sich haben, da ist das schon schwer, denn die Erinnerung verklärt die Vergangenheit, sie ist gnädig und betont den Zauber während das Schwere verblasst. Nochmal an diesem Punkt stehen, nochmal den Zauber bewusst wahrnehmen, der unbeachtet an einem vorbeigezogen ist, weil man sich in dem ganzen Tumult der Zauberhaftigkeit nicht immer bewusst war. Aber auch in der Zukunft wartet der Zauber, nur eben nicht mehr in Baby-niedlich-bedürftigkeit, sondern in „wow-welche-persönlichkeit-entwickelt-sich-da“. Mir hilft es immer, sich mit Müttern älterer Kinder auszutauschen, denn die Wow-Momente werden nicht weniger, nur anders. Im Besten Fall ist es Staunen darüber, welche Menschen aus diesen Babys werden, ein Staunen darüber, wie sie sind und was sie denken. Wenn ich darüber so schreibe, kribbelt es wieder, vor Vorfreude auf das, was kommt. Ich wäre gern beim ersten Kind im Nachhinein die Mutter gewesen, die ich jetzt beim dritten bin, was Augenblicke genießen, locker sein und zu schätzen wissen, was man hat, auch was die Dinge wertschätzen betrifft und die Dinge, die man momentan nicht hat (Schlaf etc.) einfach ziehen lassen, da sie wiederkommen. Aber so läuft das Leben eben nicht. Wenn ich wieder an dem punkt wäre, wo alles neu ist, wäre ich es ja nicht als die, die ich jetzt bin, sondern als die von früher, würde daher auch nichts anders machen (können). Also ich versteh dich so gut. Aber die Trauer wird weniger. Und irgendwie will man es ja eigentlich nicht, aber die jüngsten bleiben schon länger das „Baby“, zumindest in meinem Kopf :-) Und die Krippe wird Ella total gefallen, mit großen Geschwistern ist der Schritt glaube ich nicht ganz so groß, und wenn es eine tolle EInrichtung ist, ist das perfekt, wenn es für dich auch passt. Das Leben ist halt Wandel, manchmal zum Glück, manchmal leider, aber ändern kann man es nie, nur zu schätzen wissen und annehmen, was es einem schenkt. Danke dass du deine Erfahrungen und dein Innenleben so mit uns, deinen LeserInnen teilst. Man fühlt sich weniger allein. Und lass dich nicht nerven von blöden Kommentaren. Oft sagen die mehr über die Kommentierenden aus als über den, der kommentiert wird…

  2. Vanessa sagt

    Wahnsinn, wie deine behutsam ausgewählten Worte Emotionen, Träume und Mut auslösen. Meine Furcht hat sich in Luft aufgelöst und einfach so hat Vorfreude sie ersetzt. Vorfreude darüber, dass all das noch vor mir liegt!

    • Johanna sagt

      Liebe Vanessa,

      das freut mich so so sehr. Du kannst dir gar nicht vorstellen, in was für ein Hochgefühl deine Worte mich versetzen. Das ich sowas kann, einfach nur durch ein paar Sätze. Das ist die beste „Belohnung“ und der Grund, warum es sich immer noch lohnt, echt zu schreiben. Allerliebste Grüße und genieß die Vorfreude!

  3. Alexandra sagt

    Ich wünsche Euch alles Gute für die Eingewöhnung und den neuen Lebensabschnitt!
    Gleichwohl ich selbst gerade erst zum ersten Mal schwanger bin, kann ich das Gefühl gut nachvollziehen. Vor 3-4 Wochen – bevor der Mutterschutz losging – hatte ich bereits wehmütige Gefühle, dass diese erste (und vielleicht einzige?!?) Schwangerschaft nun bald vorbei ist…

    • Johanna sagt

      Hallo C., ja, ich stille noch, aber das ist bisher kein Problem bei der Eingewöhnung und ich erwarte auch nicht, dass es damit Probleme gibt. Ich hab bei Lotta auch noch gestillt, als sie eingewöhnt wurde und die damalige Leitung hat mir „empfohlen“, lieber mit dem Abstillen zu warten (wenn ich es möchte), um nicht zwei sehr neue Situationen gleichzeitig zu schaffen. Dieses geliebte Ritual beizubehalten schafft ja eine enorme Sicherheit, solange es für Mutter und Kind noch schön und okay ist. Und so in etwa wurde mir das hier in der aktuellen Krippe auch wieder bestätigt, finde ich sehr schön.
      Falls du Fragen hast, frag gerne. Lg!

  4. Christina sagt

    So ein schöner Text, Johanna!
    Mein Herz ist ganz bei Dir, Ella und mein Sohn sind gleich alt und für uns geht’s im Sommer los und ich habe ähnliche Gedanken im Kopf…
    ❤️ Grüße aus Dortmund, Christina

    • Johanna sagt

      Liebe Christina,

      wie schön, dann habt ihr ja noch ein paar Monate, ich hoffe, die kannst du genießen, noch ein bisschen „Baby“ aufsaugen und ihn dann mit gutem Gefühl für ein paar Stunden in liebevolle Hände geben. Ganz liebe Grüße nach Dortmund!

  5. Mamamausezahn sagt

    Beim Lesen kamen mir die Tränen. Besser hätte ich meine momentane Gefühlslage nicht beschreiben können. Ich danke dir für diese treffenden Worte

    • Johanna sagt

      Liebe Pia, ich hoffe, dass ihr für euch einen guten und richtigen Weg findet und irgendwann die Vorfreude überwiegt. Alles Liebe!

  6. Christiane sagt

    Oh was für ein schöner Text! Ich kann deinen Trennungsschmerz, aber auch deine Beweggründe für die Kita so gut verstehen. Ich schaffe es hier aber emotional noch nicht, mich von dem Nesthäkchen (16 Monate) zu trennen, auch, da wir leider keine Kita kennen, der wir blind vertrauen würden. Die beiden Großen gingen tatsächlich nie so gerne.. :( also überbrücken wir mit familiärer Unterstützung. :) aber in dem Bereich scheint ihr ja wirklich Glück zu haben! Wünsche euch eine gute Eingewöhnung und dir wieder neue Kraft zum Durchatmen!

    • Johanna sagt

      Liebe Christiane,

      ich versteh das total und finde es auch okay, wenn man sich emotional noch nicht trennen kann. Das merken die Kinder ja auch und dann ist es für alle schwer. Wir haben wirklich wahnsinnig Glück, dass wir immer eine Krippe oder Kita gefunden haben, der wir zu dem Zeitpunkt unsere Kinder anvertrauen konnten. Das ist gerade mir extrem wichtig und ich würde sie immer eher zuhause behalten, als sie irgendwo unterzubringen, womit ich mich nicht wohl fühle. Schön, dass ihr familiäre Unterstützung habt. Ganz liebe Grüße, Johanna

  7. Janina sagt

    Ich kann dich sooo gut verstehen, sitze hier gerade am Küchentisch und weine beim lesen deiner Zeilen…

    • Johanna sagt

      Liebe Janina,

      ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, außer, dass es mich sehr berührt, dass ich dich mit meinen Worten berühren konnte. Ich hoffe, ihr findet für euch einen guten Weg. Liebe Grüße, Johanna

  8. Anna sagt

    Dein Text ist mega, du berührst meine Seele, ich fühle mich gerade echt arg beansprucht und zerrissen und bin am zweifeln , ob und wie und dann ist da jetzt dein Text gekommen und ich merke so ne coole Socke wie du, die hat auch solche Gedanken ! Ganz viel Kraft Dir und auch dabei deine Freiheit genießen zu können

    • Johanna sagt

      Liebe Anna, vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Natürlich hab ich auch solche Gedanken, ganz klar! Es stellt sich raus, dass es genau der richtige Zeitpunkt war – und schwuppdiwupp wird alles irgendwie leichter. Ich hoffe, das wird es für dich auch. Liebe Grüße!

  9. uschi sagt

    Salut Johanna!
    Dein Text, also deine Emotionen und Gedanken, bewegen mich ebenfalls. (Auch hier wird gerade eingewöhnt…)
    Auch wenn bei mir die Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist, den kleinen Neid beim Anblick von Erstlingsmüttern, die auch in den Genuss des Zaubers kommen, habe ich auch schon die Hand geschüttelt. Ich kann irgendwie mitfühlen, was in dir vorgeht. In wenigen Tagen werde ich wieder arbeiten. Freue mich auf hysterisches Lachen mit den Kolleginnen und Kollegen, meine laute Lieblingsmusik über die Autolautsprecher und andere Freiheiten oder saubere Kleidung über einen Zeitraum > 10 Min.)
    Nicht zuletzt wegen deiner ehrlichen, sprachlich so fein benutzten Worte („Über mich, über die vielen, die ich bin.“) Du hast da etwas geschrieben, das ich ebenfalls spüre, für was mir aber die Sprache fehlte.

    Danke für die Zeit, die du dir für die Zeilen genommen hast.

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