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Alltagsgeschichten. Vom Wutvulkan und Krümeln des Tages

Alltagsgeschichten. Vom Wutvulkan und Krümeln des Tages

Die Wut schnürt mir den Brustkorb zu, während ich die Krümel des Tages aufsauge. Rechts den Staubsauger, mit dem linken Arm halte ich das Baby auf meiner Hüfte. Ihr bananenklebriger Arm reibt an meinem.

Zuvor habe ich zum Abendbrot Erdnüsse geknackt, Rührei zubereitet, Kamillentee gekocht, Brote geschmiert und „im Spiel“ das Ganze wie in einem Restaurant serviert.

„Die Dame, der Herr, darf es noch etwas Rührei sein? Ach, mit einer Prise Salz, sehr gerne, kommt sofort.“

Ich spüre meine Müdigkeit und merke, dass mich langsam die Geduld verlässt. Trotzdem räume ich die Küche auf, mit einem Lächeln und bitte währenddessen sehr freundlich immer wieder darum, schon mal das abendliche „fertigmachen“ anzufangen. Zähne putzen, ausziehen, Wäsche in den Wäschekorb oder an den Haken, Schlafanzug anziehen.

Die Kinder machen alles, aber nichts von dem, worum ich sie bitte. Ich formuliere noch mal anders, bitte mit Augenkontakt, stelle sicher, dass sie mich hören. Teile ruhig mit, dass ich langsam in die „Wenn-dann-Situation“ komme. Die mögen die Kinder genauso wenig wie ich. Drohen wollen wir also nicht mehr. Brüllen eigentlich auch nicht.

Aber irgendwann brüllt es aus mir raus. Ich weiß, Kinder müssen nicht funktionieren, ich weiß das, ich weiß das. Aber ich wünsche mir nichts mehr als das. Einfach nur mitmachen, einfach nur das tun, was wir seit Jahren jeden Abend machen. Und danach ins Bett gehen, schlafen. Ohne Theater. Ich will doch einfach nur mal ein paar Minuten für mich. Okay, ein paar Stunden am besten. Und das, bevor ich vor Müdigkeit und Erschöpfung nicht mehr klar denken kann.

Alltagsgeschichten. Vom Wutvulkan und Krümeln des Tages

Mittendrin die tägliche SMS. „Ich muss hier noch eine Stunde dranhängen, sorry.“ Aus zehn Stunden Dienst werden elf. An meinen 24 Stunden ändert sich dadurch nichts. Es nervt trotzdem.

Es klappt nicht. Natürlich nicht.

Langsam aber sicher kriecht die Wut durch meinen Körper. Unaufhaltsam, wie zäher, dickflüssiger Schleim breitet sie sich aus. Wut auf mich, Wut auf die Kinder, Wut auf Andrés Job und Wut darüber, dass ich schon wieder alleine durch dieses abendliche Theater muss.

Ich fühle mich wie ein Wutvulkan, der sich mit brodelndem Wutschleim füllt. Mit Wutlava. Rote, zornige Wut, hilflose Wut, schuldbewusste Wut. Erschöpfte, resignierende Wut.

Es brodelt erst weniger, als die Kinder endlich im Bett sind. Als sich später der Schlüssel im Schloss dreht, drehen sie natürlich noch mal auf. Papa ist da, endlich! Zwei Stunden dauert es, bis sie dann schlafen. Verstehe ich ja. Wir vermissen uns alle in diesem Strudel aus Arbeit, Überstunden, Geld verdienen und einfach nur mal durchatmen wollen.

Trotzdem glimmt die Wut noch vor sich hin. Am nächsten Morgen reicht ein kleiner Funke und sie brodelt wieder los. Brodelt über meine Versuche, meine Erklärungen, mein Bitten. Über mein Verständnis, meine Geduld und meine Überzeugung. Dickflüssig und zäh begräbt sie all das unter sich. Was übrig bleibt schmeckt bitter und schal. Graue Asche legt sich über den Tag, seine Krümel kleben unter meinen Füßen.

 

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