Das Leben Eben
Kommentare 24

Alltagsgeschichten. Vom Wutvulkan und Krümeln des Tages

Alltagsgeschichten. Vom Wutvulkan und Krümeln des Tages

Die Wut schnürt mir den Brustkorb zu, während ich die Krümel des Tages aufsauge. Rechts den Staubsauger, mit dem linken Arm halte ich das Baby auf meiner Hüfte. Ihr bananenklebriger Arm reibt an meinem.

Zuvor habe ich zum Abendbrot Erdnüsse geknackt, Rührei zubereitet, Kamillentee gekocht, Brote geschmiert und „im Spiel“ das Ganze wie in einem Restaurant serviert.

„Die Dame, der Herr, darf es noch etwas Rührei sein? Ach, mit einer Prise Salz, sehr gerne, kommt sofort.“

Ich spüre meine Müdigkeit und merke, dass mich langsam die Geduld verlässt. Trotzdem räume ich die Küche auf, mit einem Lächeln und bitte währenddessen sehr freundlich immer wieder darum, schon mal das abendliche „fertigmachen“ anzufangen. Zähne putzen, ausziehen, Wäsche in den Wäschekorb oder an den Haken, Schlafanzug anziehen.

Die Kinder machen alles, aber nichts von dem, worum ich sie bitte. Ich formuliere noch mal anders, bitte mit Augenkontakt, stelle sicher, dass sie mich hören. Teile ruhig mit, dass ich langsam in die „Wenn-dann-Situation“ komme. Die mögen die Kinder genauso wenig wie ich. Drohen wollen wir also nicht mehr. Brüllen eigentlich auch nicht.

Aber irgendwann brüllt es aus mir raus. Ich weiß, Kinder müssen nicht funktionieren, ich weiß das, ich weiß das. Aber ich wünsche mir nichts mehr als das. Einfach nur mitmachen, einfach nur das tun, was wir seit Jahren jeden Abend machen. Und danach ins Bett gehen, schlafen. Ohne Theater. Ich will doch einfach nur mal ein paar Minuten für mich. Okay, ein paar Stunden am besten. Und das, bevor ich vor Müdigkeit und Erschöpfung nicht mehr klar denken kann.

Alltagsgeschichten. Vom Wutvulkan und Krümeln des Tages

Mittendrin die tägliche SMS. „Ich muss hier noch eine Stunde dranhängen, sorry.“ Aus zehn Stunden Dienst werden elf. An meinen 24 Stunden ändert sich dadurch nichts. Es nervt trotzdem.

Es klappt nicht. Natürlich nicht.

Langsam aber sicher kriecht die Wut durch meinen Körper. Unaufhaltsam, wie zäher, dickflüssiger Schleim breitet sie sich aus. Wut auf mich, Wut auf die Kinder, Wut auf Andrés Job und Wut darüber, dass ich schon wieder alleine durch dieses abendliche Theater muss.

Ich fühle mich wie ein Wutvulkan, der sich mit brodelndem Wutschleim füllt. Mit Wutlava. Rote, zornige Wut, hilflose Wut, schuldbewusste Wut. Erschöpfte, resignierende Wut.

Es brodelt erst weniger, als die Kinder endlich im Bett sind. Als sich später der Schlüssel im Schloss dreht, drehen sie natürlich noch mal auf. Papa ist da, endlich! Zwei Stunden dauert es, bis sie dann schlafen. Verstehe ich ja. Wir vermissen uns alle in diesem Strudel aus Arbeit, Überstunden, Geld verdienen und einfach nur mal durchatmen wollen.

Trotzdem glimmt die Wut noch vor sich hin. Am nächsten Morgen reicht ein kleiner Funke und sie brodelt wieder los. Brodelt über meine Versuche, meine Erklärungen, mein Bitten. Über mein Verständnis, meine Geduld und meine Überzeugung. Dickflüssig und zäh begräbt sie all das unter sich. Was übrig bleibt schmeckt bitter und schal. Graue Asche legt sich über den Tag, seine Krümel kleben unter meinen Füßen.

 

24 Kommentare

  1. Sarah sagt

    Als wüsstest du, wie es bei uns so abläuft… es ist so zermürbend! am schlimmsten ist jedoch das schlechte Gewissen, das sich wie eine dicke Schicht über die abgekühlte Lava legt… ich hasse es, ich bin doch auch nur ein Mensch!
    Liebe Grüße und „funktionierende“ Kinder heute Abend!

  2. Sandra sagt

    Ich kann dich gut verstehen!!
    Ich kenne es so gut. Wenn ich merke, dass ich nicht wütend und laut werden möchte und es dann doch passiert… Und schon ein paar Minuten später ein riesiges schlechtes Gewissen da ist und geholfen hat es natürlich auch nicht – ganz im Gegenteil ?

  3. Barbara sagt

    Liebe Johanna,
    Diese Wut die du beschreibst, zäh und nie so richtig Zeit hat zu ersticken… vor sich hin glüht und leicht entflammbar ist, ich kenn sie an vielen Tagen nur zu gut.

    Und noch nie hat jemand dieses Gefühl mit so treffenden Worten beschrieben.

    DANKE für deine Ehrlichkeit und diesen so berührenden und persönlichen Beitrag.

  4. Oh Mann. Ich fühle mich heute haargenauso. Einer hat Mittelohrentzündung, die anderen beiden quengeln nachmittags hundemüde vor sich hin, tun nicht das, was ich möchte. Und ja, die paar „freien“ Stündchen, ach was, Minütchen vorm eigenen Zubettgehen sind heilig und ich sehne sie auch den ganzen Nachmittag herbei …

  5. Liebe Johanna,
    kann ich gerade heute genau so unterschreiben. Das Schlimmste ist aber immer: das schlechte Gewissen. Weil man es ja eigentlich besser weiß bzw. wissen will. Aber manchmal, manchmal sind wir eben einfach nur Menschen.

    Deswegen: tief durchatmen, wieder aufrappeln und in Gedanken überlegen, wie wir die Kleinen, wenn sie mal Teenager sind, für Riesen halten werden (und wahrscheinlich auch doof ;)) und dann sagen werden: „Was war das toll, als sie noch so klein waren!“ :)

    Ich sende dir solidarische Grüße!

    Katja

  6. Steffi sagt

    Liebe Johanna,
    Das ist ein Wahnsinns Text und ich fühle zu 100% mit Dir.
    Hier läuft es leider ganz genau so :(
    Ich sehe auch keine Besserung & wenn dann mal 2 Tage es ist einfach ein Teufelskreis.
    Kopf hoch !!
    Liebe Grüße
    Steffi ?

  7. kerstin sagt

    oh mann… das kenn ich leider nur zu gut. und das fiese gefühl, wenn der vulkan dann ausgebrochen ist.
    fühl dich gedrückt. du bist dami nicht alleine.

  8. Martje sagt

    Ein wirklich toll geschriebener Text! Und ich wette, damit beschreibst du sehr gut, wie es auch vielen anderen häufig geht. Bei uns ist es manchmal (und auch gerade jetzt) genau so. Richtig schlimm finde ich, dass ich so auf dem Zahnfleisch gehe, dass ein neuer Tag eben nicjt neues Glück bedeutet, sondern manchmal alles so weitergeht wie am Abend zuvor.

    Unbekannterweise drücke ich dich n einem solchen Tag. Viele Grüße und danle, für so schön wahre Texte.

  9. Sylvia sagt

    Same Procedere as every evening… Wir waren heute auch wieder im Ausnahmezustand. Der Sohn (fast 5) krank zu Hause und den ganzen Tag nörgelig, frech und rebellisch obwohl ich jeden Wunsch erfüllt und alles mit Engelsgeduld ertragen habe. Das Baby (fast 1 Jahr) zahnt, hat Schnupfen und schreit mich auch den halben Tag an und lässt sich schwer zum Schlafen bringen, klebt auch nur an mir. Das Fass zum Überlaufen gebracht hat dann allerdings die große Tochter (fast 7), als sie auf meine ständig wiederholte Bitte, doch ins Bad zu gehen und schon mal mit der Routine anzufangen, frech wird, mich in Dauerschleife anmotzt (während ich noch tief durchatme und versuche ruhig zu bleiben) und sich nicht mal anfängt auszuziehen. Da ist mir dann doch leider wieder der Kragen geplatzt und es gab den großen Knall. Es tat mir so leid, aber irgendwann kann ich nicht mehr durchatmen. Wir haben uns noch ausgesprochen und versöhnt. Aber so soll doch ein Tag nicht enden!!! Ich suche seit Jahren verzweifelt nach DER Lösung, wie wir es besser machen können. Es gibt die Tage, wo es reibungslos läuft. Die sind allerdings selten. Und, by the way, der Papa war auch im Haus, hat das Abendessenchaos beseitigt. Seine Anwesenheit im Bad hätte es nicht besser gemacht. Tauschen wäre wg des Babys auch nicht möglich gewesen. Und so hängt dieses abendliche Drama eigentlich fast ausschließlich an mir, auch wenn der Papa da ist.

  10. Du bist eine ganz starke Frau!Wut darfst du in deiner Situation haben und sie auch unbedingt zulassen.
    Ich finde es verkehrt,wütend sein immer verstecken zu müssen,das ist ein so wichtiges Gefühl.
    Das dürfen auch die Kinder mitbekommen.
    Und ich habe dann auch teilweise ein schlechtes Gewissen,versuche Ihnen aber in einer ruhigen Minute zu erklären warum Mama so wütend war.
    Und ich finde,dadurch können sie dann viel besser damit umgehen (und man selber auch).
    Ganz liebe Grüße!!!

  11. Jasmin sagt

    Das hast du „schön“ gesagt! So viel liebe, so viel Wut! Ich verstehe dich gut. Emotionen…eine Berg und Talfahrt. Du bist nicht allein.

  12. Julia sagt

    Liebe Johanna!
    Danke für diesen Text, ich glaube, er ist sehr wichtig!
    Ganz kurz: 1. Auch Wut darf sein. Wut ist ein Gefühl und es ist gut, wenn Gefühle nach außen getragen werden und nicht im Inneren bleiben. Es ist gut, wenn Kinder uns auch mit unseren (unangenehmen) Gefühlen kennenlernen.
    2. Grundsätzlich: Wenn Kinder sich widersetzen („nicht hören“), dann fühlt sich das für mich als Mutter oft unangenehm an, weil es für mich mit Ohnmacht und Hilflosigkeit verbunden ist. Das ist das eine. Und das andere ist: Kinder, die sich widersetzen, trauen sich Eigenständigkeit zu. Sie „funktionieren“ nicht. Sie nehmen sich die Freiheit, NICHT zu funktionieren. Sie stehen für sich ein. Sie trauen sich, Grenzen zu überschreiten. – Ich weiß, in der konkreten Situation hilft das wenig; aber grundsätzlich denk ich schon: Mir ist es lieber, wenn meine Kinder sich trauen, sich zu widersetzen, als dass sie (aus Angst, nicht geliebt zu werden, aus vorauseilendem Gehorsam) sehr folgsam wären. Ich selbst war ein sehr folgsames Kind – auch aus der Angst heraus, bei Widersetzen/Widerspruch nicht geliebt zu werden. Insofern sage ich mir immer: Wenn mein Kind nicht das macht, was ich möchte, ist das nervig, aber es ist immer auch ein bisschen ein Zeichen dafür, dass es sich bei mir sicher fühlt, denn es weiß, es wird geliebt auch bei Eigenständigkeit. Ich hoffe, du verstehst, was ich meine.
    3. Wenn die Situation dich oder André sehr belastet: vielleicht doch über professionelle Hilfe nachdenken? Abwägen: Was spricht für ein Ausprobieren, was dagegen? Mir hat es sehr geholfen.
    Liebe Grüße an euch alle!
    Julia

  13. Denise sagt

    Danke für diese ehrlichen Worte. Und ich kann dich so gut verstehen. Vielen, vielen Dank. Du bist meine Wutheldin ??

    • Johanna sagt

      Wutheldin, wie toll! <3 Ich sollte mir doch noch mal die Furie tätowieren lassen ;-). Ganz liebe Grüße!

  14. Beata sagt

    Sehr schön geschrieben! Ich kann es sehr gut nachvollziehen. Ich finde es so toll, dass du so oft beschreibst, wie es im wirklichen Leben aussieht! Vielen Dank dafür!

  15. Catrin sagt

    Danke für diese wahren Worte! Genauso ist es und es tut so gut zu hören, dass es nicht nur mir so geht.

    • Johanna sagt

      Ganz lieben Dank für deinen Kommentar. Ich glaube, es geht sehr viel mehr Müttern so als wir ahnen. Liebe Grüße!

  16. Sabrina sagt

    Liebe Johanna,

    Ich sitze hier,in meinen 5min. alleine auf dem Klo&ich halte mir dir Tränen zurück.
    Du hast es so persönlich&treffend beschrieben&es liest sich,wie unsere Geschichte.
    Es ist wie Balsam für die Seele,zu wissen, dass man nicht alleine ist. Dass es menschlich ist&man deshalb keine schlechte Mutter ist.
    DANKE von Herzen. Ich liebe Deinen Blig,so seeeehr.

    Herzensgrüsse aus der Schweiz
    Sabrina

    • Johanna sagt

      Liebe Sabrina,

      dein Kommentar rührt mich sehr. Ich bin mir ganz sicher, dass du keine schlechte Mutter bist. Solche Gefühle sind normal, an den Reaktionen sieht man, wie vielen Müttern es so geht. Fühl dich unbekannterweise gedrückt, ganz liebe Grüße in die Schweiz, Johanna

  17. Susanna sagt

    Eben durch Zufall auf diesen Artikel gestoßen… und endlich einen Begriff gefunden, der mein gefühlschaos treffend beschreibt… wutvulkan! Mein Wort des Jahres.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.