“Wir müssen hier raus”, denke ich mal wieder und texte André: “Die Kinder brauchen unbedingt ein eigenes Zimmer! Das ist nicht auszuhalten!”.

Erschöpft und genervt öffne ich die diversen Immobilien-Apps, die die letzten Monate in ihrem Ordern auf meinem Handy vor sich hin geschlummert haben. Nach einem Haus in Hamburg zum Kauf zu suchen hab ich irgendwie aufgegeben. Alles, was mein Herz höher hüpfen lässt, liegt weit außerhalb unserer finanziellen Möglichkeiten. Wohnungen zur Miete mit einem Zimmer mehr leider auch.

“Haus zur Miete” habe ich als Suchauftrag auch eingerichtet. Ich tippe auf die Ergebnisse, innerlich auf die Häuser für 7000 Euro plus Miete eingestellt, die ich mir sonst anschaue und die Apps unverrichteter Dinge wieder schließe. Und dann!

Das Haus lässt mein Herz hüpfen

Das Haus flasht mich auf den ersten Blick. Es ist genau das, wovon ich seit Jahren träume. Sogar ein bisschen mehr. Altbau, 8 Zimmer, Terazzoboden in Küche und Bad, alte Dielen und eine geschwungene Holztreppe. Ein schön schlichter Schwedenofen und aus dem weinberankten Wintergarten geht der Blick raus in den riesigen Garten. Mit Platz für wirklich alles, was wir uns vorstellen können. Und alten Obstbäumen. Die Miete ist natürlich etwas höher als hier, liegt aber kalt sogar unterhalb dessen, was eine 6 Zimmer Wohnung in ähnlicher Entfernung kosten würde.

Ein Haus zur Miete, genau das, was wir wollen, nur ohne Risiko? Ja, irgendwie schon. Auch, wenn mir der Gedanke, in eine eigene Immobilie zu investieren, besser gefällt als Miete zu zahlen, die einfach verpufft. Aber ich hab gelernt: man kann nicht alles haben, manchmal kommt es einfach anders, als man denkt.

Ein Haus zur Miete? Warum eigentlich nicht?

Schnell schicke ich André das Exposé, ihm gehts genau wie mir: die Bilder sind ein Traum, der Preis so, dass wir ihn uns gerade noch so leisten können. Daumen hoch aus Magdeburg, wo André gerade Dienst hat. Sofort schreibe ich eine Nachricht an den oder die Vermieterin. Erzähle von uns, dass wir uns sofort in das Haus verliebt haben und ob wir zur Besichtigung kommen können. Zittrig warte ich auf eine Antwort – die noch am selben Abend kommt.

Die Vermieterin klingt sehr nett, fragt nach. Natürlich nach Gehaltsnachweisen und ob wir noch Fragen zum Haus haben. Sie schlägt vor, dass wir uns die Gegend erstmal anschauen und das Haus von außen. Es liegt nicht in der Einflugschneise des Flughafens, aber je nach Wind hört man die Flugzeuge. Am Samstag setzen wir uns ins Auto und fahren zum Haus. Parken direkt davor, steigen aus, staunen. Genießen die Ruhe und die fußläufige Nähe zum Wald. Schlendern durch die Nachbarstraßen, checken aus, wie weit es zur Grundschule und zum Gymnasium wäre.

Das Einkaufszentrum in der Nähe, das erster Anlaufpunkt für alles Alltägliche wäre, ist nicht wirklich meins. Hier vermisse ich mein Hipster-Eimsbüttel. Aber – auch damit könnte ich wohl leben.

Das Haus

Im Auto zurück frage ich direkt nach einem Besichtigungstermin. Zack, am Montag darauf stehen wir im Haus. Es fühlt sich etwas kleiner an, als es auf den Fotos wirkte, aber: es ist schön. Sehr schön. Die kleine Speisekammer an der Küche. Blick und Tür aus der Küche direkt raus in den Garten. Der Wintergarten ist ein Traum, ich liebe die Böden und den Balkon an einem der Schlafzimmer oben. Das fast 100 Jahre alt Haus tanzt sich Raum für Raum in mein Herz und ich spüre mal wieder: das, was ich an Altbauten so liebe, sind die Geschichten, die sie schon zu erzählen haben.

Die kleinen “Makel” registriere ich, versuche aber, mich von ihnen nicht einnehmen zu lassen. Sie landen auf meiner Liste, was wir machen müssten, damit wir uns hier wirklich langfristig wohl fühlen. Neue Fliesen im Bad, neue Küche, Raufasertapete ab und verputzen. Neue Küche.

Große Gartenliebe

Als wir in dem 2000qm großen Garten stehen, fühlt es sich richtig an. Wir probieren einen Apfel direkt vom Baum, entdecken noch eine Kirsche, Brombeersträucher. In meiner Vorstellung sehe ich uns schon in diesem Garten. Wir auf der Terrasse, mit Kaffee und einem Buch während die Kinder im Pool plantschen. Wir, wie wir die Hecke schneiden, Rasen mähen, Gemüse pflanzen und in Hängematten im Halbschatten schaukeln. Lampions und Wimpelketten, die im Wind wehen, über einem langen Tisch mit flatternder Tischdecke. Gartenpartys. Grillabende. Ein Gartenhaus, was man da alles machen könnte. Mein Ideen- und Content-Herz überschlägt sich fast vor Glück und Möglichkeiten.

André, Ella und Bo geht es genau so wie mir. Lotta ist leider nicht dabei, sie macht bei einer Freundin Urlaub am Meer. Wir machen Fotos und Videos, um ihr möglichst viel zeigen zu können.

Keller und Dachboden fehlen noch. Hier frage ich mich zum ersten Mal, ob das wirklich funktionieren kann. Waschmaschine und Trockner müssten im Keller stehen, der ein typischer muffiger Keller ist. Ihn mit als Wohnraum zu nutzen können wir uns beide nicht vorstellen. Mir fällt sogar der Gedanke schwer, ihn mindestens zweimal täglich zum Wäsche waschen zu nutzen.

“Was wir hier alles machen könnten, wenn es unseres wäre…” denke ich.

Ja, nein, vielleicht?

Gefühlschaotisch, mit einem komischen Gefühl im Magen sitzen wir nach der Besichtigung wieder im Auto. Ich weiß, es hängt an mir, ob wir dieses Haus nehmen oder nicht. Kriegen könnten wir es, das spüre ich. Dieses Gefühl hatte ich bisher bei jeder Wohnung, die wir bekommen haben. Mein Bauchgefühl kämpft mit meinem Kopf. Emotionen gegen rationale Gründe. Wir schicken Fotos und Videos an Lotta, ihr gefällt es auch.

Die nächsten Tage sind anstrengend und erschöpfend. In mir tobt ununterbrochen der Kampf, eine Entscheidung treffen zu müssen. Die Kinder weinen zum Teil bitterlich, weil sie nicht umziehen wollen. Aber dann wieder doch. Genauso geht es mir auch. Ich spreche mit Freundinnen, alle sagen, wir sollen es machen. Der Kampf in mir bleibt, kein Gespräch, kein Argument kann mich wirklich überzeugen. Ich fühle mich elend.

Mein Kopf sagt ja, mein Bauch nein. Warum nur? Ich finde mich fürchterlich, weil ich das Gefühl habe, uns zu sabotieren. Wir schreiben alle zusammen eine Pro und Kontra Liste, bei der am Ende ein Argument am Schwersten wiegt: das Geld. Erstens die monatliche Belastung, die mit Ausblick auf die Gaspreiserhöhungen doch erheblich sein wird. Zweitens: die Summe, die wir für 15 Jahre Miete zahlen würden. Das ist grob über den Daumen gepeilt, die Zeit, bis Ella auszieht und wir kein Haus mit 8 Zimmern mit brauchen. 738.000 Euro wären es. Bei dieser Summe dreht sich mir der Magen um und ich spüre ziemlich deutlich: das ist ein Betrag, den ich nicht in fremde Immobilien, nicht in irgendwie doch Kompromisse, nicht in Miete investieren möchte.

Bauch gegen Kopf, Pro und Kontra

André und ich sprechen viel in diesen wenigen Tagen, die uns für die Entscheidung bleiben. Sein anfänglich fast vorbehaltloses JA zum Haus wird immer kleiner. Ich habe einerseits ein schlechtes Gewissen, die Euphorie so plattzumachen mit meinen Zweifeln. Andererseits habe ich das Gefühl, die Einzige zu sein, die an alle Aspekte denkt. Verstehe ich auch, normalerweise bin ICH diejenige, die eine Idee oder einen Plan hat und loslegt, ohne alles zu Ende zu denken.

Aber – das hier ist einfach zu groß, um nicht alle Aspekte zu bedenken. Dass ein riesiger Garten nicht nur schön ist, sondern auch wahnsinnig viel Arbeit. Und dass man in einem Mietshaus nicht mal eben so die Badezimmerfliesen erneuern kann oder wirklich viel Geld in eine schöne Küche steckt. On top unfassbare Beträge für Kaution und zwei Monate doppelt Miete. Das ist der eigentliche Knackpunkt: ich möchte nicht noch mehr Miete zahlen und dadurch die Möglichkeit, weniger zu arbeiten, cutten. Und noch ein paar Kleckergründe, die den Dagegen-Berg in der Summe trotzdem größer machen als den dafür.

Vielleicht habe ich nach Gründen gesucht, die dagegen sprechen. Denn das Haus war wirklich ein Traum. Aber vielleicht ist es auch einfach nur das. Ein Traum, aus dem wir immer wieder in unserer Wohnung aufwachen.

Die Entscheidung steht fest

Damit ist die Entscheidung gefallen. Kein Haus in Hamburg. Sie fällt mir trotzdem unendlich schwer, die Tage darauf muss ich mich immer wieder bei André rückversichern, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Ich sehe in meiner Vorstellung immer noch die Gartenpartys, spüre die Freiheit, die ein so großer Garten gebracht hätte. Aber auch die Einsamkeit, die ein so großes, alleinstehendes Haus hätte bedeuten können. Dieses komisch zerrissene Gefühl in mir bleibt. Bis André irgendwann aus Magdeburg schreibt: “Ich verstehe, wie es dir geht. Aber ich fühle mich, ehrlich gesagt, erleichtert.”

Der knotige Klumpen aus Vorteilen, Nachteilen, Argumenten und Emotionen löst sich und ich lasse es los, das Haus. Wir versprechen den Kindern und uns, dann eben doch hier eine Lösung zu finden für ein eigenes Zimmer. Versuchen, zu sparen, Eigenkapital aufzubauen und träumen weiter vom eigenen Haus.

P.S. Das Haus auf dem Bild ist nicht das Haus, das wir uns angeschaut haben sondern ein random fotografiertes Haus, das ich schön fand.

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9 Comments

  1. Wahrscheinlich haben sich das schon sehr viele gefragt, aber: ist es wirklich nicht möglich, aus eurer Riesenbude (die ja vom Flächenmaß viel größer ist als sehr viele Häuser) nicht doch noch mehr 1-2 kleine Zimmer rauszuholen? Durch Trennwände aus Trockenbau?

    • Johanna Reply

      Das haben sich sicherlich nicht nur viele andere schon gefragt – wir auch, nicht nur einmal. Wir haben leider erstens nur ein einziges Zimmer mit zwei Fenstern und eine Butze ohne Tageslicht – nein, das will dann doch keiner von uns. Außerdem sind unsere Vermieter nicht gerade…sagen wir mal “zugewandt”, was solche baulichen Veränderungen der Wohnung betreffen.
      Wir verzichten halt auf einen Gemeinschaftsraum, das wird schon irgendwie gehen.

      • Das wird! Das wird schön! Habt ihr aktuell nicht sowohl Ess-als auch Wohnzimmer? Dann bleibt doch ein Gemeinschaftsraum erhalten oder? Und wenn nicht, Platz ist in der kleinsten Küche :)

        • Johanna Reply

          Liebe Elisabeth, ja genau, das stimmt, das ist gerade auch die Überlegung, dass wir das aufgeben.
          Fällt mir trotzdem schwer, muss ich zugeben, aber es muss wohl sein.
          Ganz liebe Grüße, Johanna

  2. Liebe Johanna,
    Heißt das ihr überlegt konkret auf ein Wohnzimmer zu verzichten?
    Es wäre so toll wenn du uns auch mit auf die Reise nimmst wie ihr das löst. Wir sind in einer ähnlichen Situation und werden in 1-2 Jahren neu aufteilen müssen…

    • Johanna Reply

      Liebe Jana,

      genau, aufs “Esszimmer” wahrscheinlich. Wobei es mir wirklich schwer fällt das aufzugeben und ich immer noch rumüberlege, wie wir das anders machen könnten… aber klar, ich nehm euch gern mit auf der Reise.
      Ganz liebe Grüße, Johanna

  3. Es ist auf jeden Fall nachvollziehbar, warum du dich letzten Endes gegen das Haus entschieden hast.
    Unabhängig davon, ob so ein Umzug von Kriens nach Luzern oder in deinem Fall in ein Haus in Hamburg hätte stattfinden können: Wenn es um ein Haus geht, muss so eine Entscheidung wohl überlegt sein.

    Wenn sich auch Andre erleichtert gefühlt hat, wie du bereits erwähnt hast, dann muss das definitiv die richtige Entscheidung für euch gewesen sein.

  4. Auch wenn es etwas schade um den grossen Garten und den kuscheligen Schwedenofen ist, ist deine Entscheidung auf jeden Fall verständlich. Ein grosses Haus kann auf der einen Seite viel Freiheit bedeuten, gleichzeitig kann es auch ziemlich schnell einsam oder gar langweilig werden.. hoffentlich konntet ihr inzwischen etwas finden, was euren Bedürfnissen entspricht!

    • Johanna Reply

      Leider nein und um den Ofen trauere ich wirklich sehr! Wir haben zwar auch einen alten Ofen in der Wohnung, aber leider funktioniert er nicht mehr, wir haben das sogar von dem Schornsteinfeger prüfen lassen. Für irgendwann ist das auf jeden Fall ein Traum von mir – ein funktionierender Ofen.

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