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Alltagsgeschichten – Vom Helium-High, Stille und meiner Gedanken-Party

Alltagsgeschichten. Über das Glück, eine Stunde allein zu sein, wenn man Mutter ist.

Mein Schlüsselbund klappert, als ich schwungvoll die Tür aufschließe. Ich betrete die stille, leere Wohnung, atme tief ein – und lang wieder aus. Es ist fast ein kleiner, wohliger Freudenseufzer, der ungeplant aus mir herausplatzt.

Ein Blick auf die Uhr: eine ganze Stunde, bis ich los muss zur Kita. Eine. Ganze. Stunde. Mein Herz jubiliert.
Der Espresso ist ruck zuck durchgelaufen, vorfreudig klappe ich meinen Laptop auf. Meine Finger wandern sofort zu den Tasten, gewöhnen sich an das Schreibgefühl auf der neuen Tastatur. Genießen es. Das glänzend kühle Grau des Computers steht in krassem Kontrast zum fusseligen Flauschgrau meines Pullovers. „Genau wie das heutige Datum zum Wetter draußen“, denke ich und grinse ein bisschen schief für mich selbst. Drehe den Kopf und sehe auf dem Balkon den zentimeterdicken Schnee vor sich hin schmelzen, der uns heute morgen überrascht hat.

Sand im Getriebe

Gestern und heute waren Tage, an denen es nicht so lief, wie es sollte. Nicht so, wie es erwartet wird, nicht so, wie es sein sollte. Hier hing Müdigkeit bleischwer in Knochen und an Augenlidern, da bildeten schlechte Erfahrungen beim Schulschwimmen eine Mauer, die unmöglich zu erklimmen oder überwinden schien.
Die Uhr rennt, die Kinder nicht.

Das stört. In einer durchgetakteten Gesellschaft, in die man sich als Familie einzugliedern hat. Zeitverzögerung. Schreckgespenst „zu spät zur Schule“, Schreckgespenst „nicht durchgekämpft“, Schreckgespenst „Helikopter Mutter“.

Obwohl noch die ein oder andere Kleinigkeit dazwischen kam, wie immer an solchen Tagen, hatte ich gestern ein gutes Gefühl. Genau wie jetzt. Auch heute lief der Start in den Tag, in den Schultag, nicht so, wie er sollte. Und trotzdem fühlt er sich eher richtig als falsch an. Weil wir austariert und neu justiert haben. Weil mein Kind gelernt hat, dass es ernst genommen wird.

Die Heizung rechts von mir rauscht. Genau wie mein Kopf. Die Stille schiebt den Vorhang zu meinen Gedanken zur Seite. Sie macht Platz und plötzlich sehe ich sie, ganz klar: die Gedanken-Party. Die Ideen, die gemeinsam feiern, tanzen, sich zuprosten. Jede sieht anders aus, es ist ein bunter, verrückter Haufen. Manche von ihnen halten schillernde Gedankenfetzen-Ballons in den Händen und ich möchte sofort reinspringen in diese Menge. Crowdsurfing auf meiner eigenen Ideen-Party.

Berauschende Stille

„Okay Johanna, nice. Bist du sicher, dass in dem Mittags-Snickers kein Gras war?“. Ich bin sicher, sehr sogar. Klar, der Zucker hat bestimmt eine berauschende Wirkung, denn, mal ehrlich: ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt ein Snickers gegessen habe. Aber – dieses Gefühl von Klarheit, die Gedanken-Party, das Glücksgefühl – dieser Rausch kommt von der Stille.

Von der Stille und dem Wissen, dass ich immer noch 20 Minuten vor mir habe, in denen ich mich um nichts kümmern muss.

Natürlich müsste und sollte ich. Tisch abwischen, Spülmaschine anmachen, Essen vorbereiten, aufräumen, Wäsche machen, arbeiten. Aber ich will nicht.

Ich hänge auf der Küchenbank, mit hochgelegten Beinen auf dem TrippTrapp. Mein Kopf lehnt an den kalten Küchenfliesen, mit geschlossenen Augen und ich lausche einfach nur dem Heizungsrauschen.
Die Stille rauscht durch mich hindurch. Immer noch mit geschlossenen Augen fühle ich mich schlagartig wie ein Heliumballon. Aus einer platten Knisterfolie wird ein praller Ballon, der leicht und schön und strahlend durch den Tag trudelt.

Schöne Vorstellung, finde ich. Ein Akku-Äquivalent. Noch zehn Minuten, die ich für mich genieße, aufsauge und sehe, wie lange ich auf meinem Helium-High gut durch den Tag trudeln kann.

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