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Alltagsgeschichten – Zwischen Haushalt, Homeoffice und Kinderbetreuung.

Alltagsgeschichten - Zwischen Haushalt, Homeoffice und Kinderbetreuung

22:30 Uhr. Der Abend war schön, entspannt, kuschelig. Seit einer halben Stunde schlafen die Kinder. Sie sind nicht ausgelastet, das merke ich sehr. Auch, wenn wir insgesamt alle eher Eulen sind, während der Schul- und Kitazeit klappen hier um 20:30 Uhr meisten die Augen zu. Aber seit sieben Wochen sind wir zuhause, unter uns, ohne Schule und Kita.

Wie gesagt, der Abend war gut. Trotzdem bin ich müde. Die letzten dreißig Minuten habe ich gearbeitet und Nachrichten auf Instagram beantwortet. Jetzt räume ich die Küche auf, schmeiße die Spülmaschine an und sortiere schon mal die Wäsche in die Waschmaschine. Stelle die Butter in den Kühlschrank, schreibe Kaffee und Kartoffeln auf den Einkaufszettel.

Im Bad sammle ich eine Toniefigur und einen Schleichhund ein, im Flur liegen ein Kuscheltier, Fußballkarten, die Milchflasche der Puppe und ein Playmobil-Pferd auf dem Boden. Ich überlege kurz, ob ich in die Kinderzimmer gehe, um aufzuräumen. Normalerweise erledigen wir das abends gemeinsam, das ist mir tatsächlich zunehmend wichtig. Weil ich weiß, wie es ist, als Erwachsene immer noch mit Chaos zu kämpfen. Trotzdem weiß ich auch: unser Tag beginnt entspannter, wenn es aufgeräumt ist. Also los, ich staple die Tukluk-Matten ordentlich, räume Bücher ins Regal, reihe Giraffen, Löwen, Tiger und einen Seehund nebeneinander auf.

Alltagsgeschichten - Zwischen Haushalt, Homeoffice und Kinderbetreuung

Lego, Duplo, Playmobil, Horse Club, Eisenbahnschienen, dazwischen ein angeknabbertes Stück Möhre. Klamotten, Kissen, ein Grundschul-Lexikon, Schnipsel und die Papierrollen mit den Kontinenten. Die Welt auf einen Blick, die André den Kindern aufgemalt hat. Die Karte, auf der sie die Routen für unsere imaginäre Weltreise planen. Eine Reise, die plötzlich gar nicht mehr so utopisch und unmöglich scheint. Jetzt, wo sowieso alles anders ist.

Kitas auf, Kitas zu? Was geht, was nicht?

Wie lange noch? Auch diese Gedanken lassen mich nicht los. Die Entscheidung, Kitas erstmal nicht zu öffnen, bis August. Die Hilflosigkeit und Verzweiflung vieler Familien, vieler Mütter, die ich auf Instagram so hautnah mitkriege. In meinem Kopf schwirren diese Gedanken, all die verschiedenen Aspekte, Argumente und persönlichen Berichte wie Puzzleteile, die versuchen, den richtigen Platz zu finden, damit das alles einen Sinn ergibt. Und ich sagen kann: so sehe ich das. Oder eben: so.

Aber wie eigentlich immer: ein oder mehrere Puzzleteile fehlen. Mir fehlen Informationen, die ich dringend bräuchte, um mir eine Meinung bilden zu können, hinter der ich stehe. Die ich vertreten kann. Ich weiß: Familien, Frauen, Kinder werden in politischen Debatten nicht bedacht. Weil sie nicht repräsentiert werden in Gremien und Ausschüssen. Ich weiß: viele Familien kriechen auf dem Zahnfleisch. Haben leere Konten, Angst, ihre Jobs zu verlieren und keine Pause. Viele Kinder sind nicht sicher zuhause, viele Frauen auch nicht.

Ich lasse mich kurz einlullen vom monotonen und seltsam beruhigenden Geräusch der Spülmaschine, auf der mein Laptop steht, während ich schreibe. Zum Hinsetzen fehlt mir die Zeit, ich bin auf dem Sprung, immer. Zu den Kindern, falls sie mich brauchen. Richtung Wäsche, die ist noch nicht fertig. Und in die anderen Zimmer wollte ich auch noch schnell gucken. Eine gute Vorbereitung ist wichtig.

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Auch wichtig, mehr als wichtig sogar: dass ich nicht zu wenig schlafe. Wenn ich müde bin, bin ich weniger einfühlsam, habe dünne Nerven, finde weniger kreative Lösungen und will einfach nur meine Ruhe haben. Das passt nicht, an einem Tag allein mit drei Kindern und Job.

Mein Kopf wird schwer, meine Gedanken träge, meine Augen brennen und mein Rücken schmerzt. Yoga wäre gut, wenigstens eine viertel Stunde. Das versuche ich, morgen.

Gedankenkarussell im Dauerbetrieb

Die Müdigkeit hängt an meinen Gedanken wie kleine Bleigewichte. Aber sie sind da, sie geben keine Ruhe und schwirren weiter. Kita auf, Kita zu, Notbetreuung ausweiten, Kinderbetreuung in Kleingruppen und oder Schichten, Betreuungsgruppen mit Nachbarn oder Freunden, Corona-Elterngeld, Kündigungsschutz für Eltern, der Vergleich zwischen Baumärkten und Kitas. Maskenpflicht und die Frage: sind Kinder Überträger? Sind sie es nicht? Wie angemessen und verhältnismäßig sind die Maßnahmen? Wen schützen wir und wen nicht? Im Raum steht mittlerweile auch, dass es Langzeitschäden selbst bei milden Verläufen geben kann. Ist das Bedürfnis, Freunde zu sehen, wichtiger oder genauso wichtig wie der Schutz von Risikogruppen? Wie die eigene Gesundheit auf lange Sicht? Wie die Belastung von Gruppen, die jetzt vermehrt anderen Gefahren als Corona ausgesetzt sind?

Gibt es ein erhöhtes Infektionsaufkommen in Kreisen der Familien, die ihre Kinder von Anfang an in der Notbetreuung hatten? Bei den ErzieherInnen und deren Familien, die diese Kinder betreut haben?

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Was ist mit den Eltern, deren Jobs nach der Elternzeit jetzt wieder anfangen würden, deren Kinder aber noch nicht eingewöhnt sind? Werden Grundrechte der Kinder unverhältnismäßig stark und lang beschnitten? Ist es okay, zu sagen: trefft euch im Park, setzt euch auf eine Decke, solange ihr den Mindestabstand einhaltet? Wie realistisch ist das? Und in einem kinderreichen Stadtteil wie Eimsbüttel – welche Familien verzichten, weil die Wiese schon voll ist? Quetscht man sich nicht vielleicht dann doch noch dazwischen, drückt beide Augen zu und denkt: „Wird schon gut gehen?“. Welche Lösungen gibt es hier?

Je mehr ich über dieses Thema nachdenke, desto weniger komme ich zu einer Lösung. Zu einem klaren Standpunkt.

Klar ist: Familien, Eltern und Kinder müssen mit bedacht werden. Es muss möglich sein, kreative Lösungen zu finden.

Die schönen Momente

Es ist viel, es ist anstrengend, kräftezehrend. Manchmal ist es zu viel, viel zu viel. Es ist laut, es ist wild, es ist gewaltig. Aber in anderen Momenten ist es schön. Und ruhig und entspannt. Das war es hier schon lange nicht mehr. Der Gedanke erschreckt mich und er schmerzt. Weil ich das Gefühl habe, dass meine Kinder mir jetzt, nach sieben gemeinsamen Wochen, nicht mehr so fremd vorkommen, wie sie es manchmal zu normalen Zeiten tun. Sie sind plötzlich wieder mehr die, die ich kannte, bevor uns Zeitdruck und Alltagsstress fest im Griff hatten. Obwohl wir natürlich im Großen sehr fremdbestimmt sind, fühle ich mich im Kleinen eher weniger fremdbestimmt.

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Aber das liegt vielleicht daran, dass wir es so, wie wir gerade arbeiten, schon seit einem Jahr machen. Einer arbeitet, der andere hat die Kinder. Der Unterschied ist „nur“, dass derjenige, der die Kinderbetreuung übernimmt, jetzt alle drei Kinder hat statt nur Ella.

Luft zum Atmen, Zeit ohne Verantwortung

Trotzdem ist es anstrengend, sauanstrengend. Nicht umsonst haben wir uns die letzten Wochen immer wieder verzweifelt an den Moment geklammert, in dem endlich mal wieder Luft zum Atmen bleibt, weil alle Kinder in der Krippe, Kita und Schule sind. Immer immer immer da zu sein, immer verfügbar, immer abrufbar, immer verantwortlich, das raubt irgendwann jedem die Geduld, die Freude und die Kraft.

Deswegen verstehe ich jeden Elternteil, der gerade verzweifelt ist. Jeden, der einfach nicht mehr kann. Und sich einfach nur ein bisschen Entlastung wünscht. Weil alles zu viel ist. Weil die Geschwister sich ständig streiten, weil das Einzelkind sich langweilt, weil man den ganzen Tag nur in der Küche steht und Essen macht oder aufräumt, zwischendurch Texte tippt, Emails beantwortet oder telefoniert und das Schulkind bei den Schulaufgaben anleitet. Weil man einfach keine Lust mehr hat, jeden Tag zu basteln. Die Nerven liegen blank, die Wut, darüber, in der Politik keine Stimme zu haben, brodelt.

Alltagsgeschichten - Zwischen Haushalt, Homeoffice und Kinderbetreuung

Ich starre auf den Fußboden, der vor meinen Augen verschwimmt. Zu einem kampfbereiten Gorilla, aus dem plötzlich ein lockiger Pudel wird.

Klappe meinen Laptop zu und schleiche ins Bett. Mit der Hoffnung, dass aus dieser Krise eine große, eine starke Lobby wächst, für Familien, für die Pflegenden, für die Schwachen. Denke an die Frauen und Mütter, die ich kenne, im realen Leben und in meiner Social Media Bubble. Denke an ihre Stärke, an ihre Entschlossenheit, ihren Mut. Und für einen kleinen Augenblick habe ich das Gefühl, dass absolut alles möglich ist. Dass wir zusammen alles erreichen und das Ruder rumreißen können. Und aus einem sanft gelockten Pudel einen kampfbereiten Gorilla machen.

2 Kommentare

  1. Jenny sagt

    Hallo Johanna,
    danke für diesen Artikel, der so ruhig und klar, das beschreibt was diese Situation ausmacht. Diese Situation mit all den Unsicherheiten, der Verzweiflung, aber auch den schönen Momenten und dem Mut. Zumindest ich finde mich in großen Teilen wieder. Möglicherweise hilft es ja, wenn viele von uns die bereits gestarteten Petitionen unterschreiben, ich halte es für unabdingbar, dass Eltern sich eine Lobby schaffen. Denn jede Familie allein wird das nicht über Monate durchhalten.

  2. Lina sagt

    Liebe Johanna
    danke für den Beitrag. Ich finde die Gedanken gut und wichtig. Ich habe eine klare Meinung – Risikogruppen vor dem – ja es ist krass aber wahr- Tod zu schützen ist für mich wichtiger als mein Bedürfnis mich mit Freunden zu treffen. Auch frage ich mich immer – da dreh ich mich auch im Kreis- wie konkret man Familien helfen kann…Die Notbetreuung wird bei uns hier z.B gelockert, doch dann lese ich Kommentare von Eltern die zwar am Rande der Verzweiflung sind, ihr Kind aber nicht in die Notbetreuung schicken möchten, auch wenn sie dürfen, da das Kind zu dem Betreuuern kein enges Verhältnis hat.. klar Einzelfall, denkt man….aber ist es das wirklich?? Wo fängt man an, wo hört man auf? Eine Extremsituation die uns alle vor extreme Herausforderungen stellt….ich dreh mich wie Du, gedanklich im Kreis…kann gut reden, dass ich die Einschränkungen FÜR UNS als Familie gerechtfertigt finde, wenn ich dadurch Leben schütze und Rücksicht auf das Gesundheitssystem nehme. Auch sehen wir das mit dem Homeschooling echt entspannt – kein Kind wird deswegen den Abschluss irgendwann nicht schaffen. Benotet werden darf es auch nicht.. so what. Es gibt gerade wirklich Wichtigeres im Leben als Homeschooling….es ist es mir nicht wert, mich deswegen und meine Kinder zu stressen… meine Meinung: da Druck raus nehmen .
    Andere Familien stemmen das nicht so einfach, das ist mir klar!!
    Wir können immer noch unsere Kinder schnappen und raus…ja die Spielplätze sind zu. Heute habe ich gelesen unsere Kinder sind „zu Hause eingesperrt“ .. das stimmt so nicht.Wenn ich da in andere Länder schaue die eine komplette Ausgangssperre haben..die haben es viel, viel schwerer. MEINE Sicht auf die schwierigen Dinge.
    Ich bin aber total gespannt, was für Ansätze denn so vertreten werden…sagt mal – liebe Leser- was würdet ihr euch von Seiten der Politik denn wünschen? Ich wünsche Euch allen weiterhin starke Nerven, eine grosse Portion Gelassenheit, Zeit für euch ( wenn auch nur 10 min im Bad), leckeren Wein und Optimismus.
    LG Lina ( zu Hause mit 3 Kindern)

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