Das Leben Eben
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Einmal Jammertal und zurück, bitte. Mit kurzem Halt im Pöbel-Park.

Sehr geehrte Damen und Herren, bitte setzen Sie nun ihre Verständnis-Brille auf, die Tüte mit dem Mitgefühl befindet sich im Fach am Sitz vor Ihnen. Wir starten nun unsere Reise ins Jammertal.

Es gibt so Tage, da ist mir zum Heulen. Ich möchte den ganzen Tag nur jammern. Vor allem darüber, warum in dieser Familie (gefühlt) jeder zu seinem Recht kommt – nur ich nicht. Warum ich begleite, verstehe, immer da bin, zum Fußballtraining zuckle, ein Hexenkostüm besorge, die Bude in Halloween-Deko hülle, dafür sorge, dass neue Hosen im Kleiderschrank liegen, wenn alle anderen zu kurz geworden sind und und und. Und ich? Kriege noch nicht mal ein Foto von der ganzen Familie.

Ja, ich weiß, es ist eigentlich belanglos, aber ich wollte so gerne ein Foto von uns zu fünft als 5000stes Bild auf Instagram posten. Der erste Versuch hat nicht geklappt, also dachte ich, neuer Tag, neues Glück. Denkste. Pustekuchen.

Bitte anschnallen, es wird holprig!

Und weil ich meine Kinder nicht zwinge oder mit Versprechungen auf ein Foto locke, habe ich eben keins. Das macht mich traurig. Und nach dem zweiten Fehlversuch merke ich: ab geht der wilde Ritt ins Jammertal. Eigentlich gleicht das Ganze eher einer unheimlichen Riesenrutsche, wie im Film. Man fällt in ein Loch und rutscht ins Dunkle, rutscht, rutscht und weiß nicht, wo und wann man ankommt. Und was einen erwartet. Das klingt wirklich sehr düster, aber in dem ein oder anderen klitzekleinen Moment fühlt es sich auch so an.

Dann kommen zu dem Foto, das ich nicht kriege, folgende Gedanken: immer kümmere ich mich um alles, ich mache alles möglich, für jeden. Ich wasche, ich koche, ich trage, ich tröste, ich bringe, ich hole, ich organisiere, ich mache und mache und mache. Und ich, für mich? War noch nicht einmal beim Rückbildungskurs, kann abends nicht aufstehen, weil das Baby aufwacht, muss Veranstaltungen absagen, wenn das Baby krank ist, muss mich immer nach dem Krankenhausdienstplan richten, komme sowieso nie richtig zum Arbeiten und muss aber Geld verdienen, damit es hier rund läuft. Bei allen anderen klappt das doch auch! Und dann geht noch nicht mal Schnaps. So!

Gejammert. Vielleicht ein bisschen geweint, dem Drang widerstanden, sich auf den Boden zu werfen und mit den Fäusten auf den Boden zu trommeln. Besser?

Besser!

Das mit dem Jammern ist eine schwierige Sache. Vor allem, wenn man gesund ist, eine weiße, überprivilegierte Heterofrau, die 3 wunderbare Kinder hat, eine riesige Wohnung in einer tollen Stadt, einen tollen Partner an seiner Seite, der auch noch nicht schlecht verdient. Und wenn man dann selbst auch noch Geld verdient, in einem Job, der anderen wie ein schönes, bequemes Leben vorkommt, ja, dann soll man doch bitte lieber die Klappe halten und sich nicht beschweren. Sondern lieber mal Nachrichten gucken, da haben nämlich Menschen ECHTE Probleme.

Ein bisschen mehr wird das Jammern toleriert, wenn man alleinerziehend ist, der Partner keinen Unterhalt zahlt, man zwei Jobs und trotzdem nie genug Kohle hat. Aber auch dann sollte man es lieber nicht zu laut und nicht zu oft tun – es gibt schließlich Menschen, denen es schlechter geht. Außerdem ist man ja vermutlich auch mit Schuld an der Situation.

Generell sollte man sehr vorsichtig sein, über irgendetwas im Zusammenhang mit Kindern zu jammern. Wenig Schlaf, kein Kita-Platz, Karriereknick, weniger Rente, kaum noch Zeit für sich oder Freunde – äh, Moment mal, das habt ihr euch doch selbst ausgesucht. Ihr wolltet doch Kinder! Und überlegt euch mal, wie das für die Paare ist, die Kinder wollen und keine bekommen können?! Eben.

Waschmaschine kaputt, Lippenstift auf dem schlecht waschbaren Stoff der Lieblingstasche verschmiert, Auto abgeschleppt, mit dem Kinderwagen durch Hundekacke gefahren. Sag mal lieber nichts, dieses Pöbeln, du, das steht dir gar nicht so gut. Und außerdem – sei froh, dass ihr ein Auto habt.

Pinkepank pöbelt

Die kleine Schwester von „Jammern“ ist übrigens Pöbeln. Vielleicht auch eher der große Bruder, Tante, Onkel, Cousine, was weiß ich. Sie scheinen auf jeden Fall zur gleichen Familie zu gehören und ähnlich verpönt zu sein. Aufregen über das Kind, das mir in der Bank in der Schlange mit dem Laufrad über den Fuß fährt? Über Menschen, die ihre Hunde mitten auf den Gehweg kacken lassen oder, und das ist mal so richtig hinterhältig, im den Blätterhaufen auf dem Gehweg? Oder über diejenigen, die im Vorbeilaufen ihren Müll in unsere Tonne mit dem Plastikmüll werfen – und natürlich nicht darauf achten, ob es er da überhaupt reingehört? Ganz zu schweigen von denen, die Coffee-to-go Becher, Taschentücher und Brötchentüten in unserem Lastenrad entsorgen.

Alles nicht okay – aber pöbeln oder gar direkt ansprechen? Mhhh – lieber nicht. Das wirkt unentspannt, zickig, unzufrieden, schlecht gelaunt. Jammern und pöbeln sind verpönt. Dabei tut beides gut und befreit. Mich zumindest. Einmal dem Partner oder der Freundin die Ohren volljammern. Das macht den Kopf klar und Platz für die Erkenntnis: ist vielleicht doch alles nicht so schlimm. Aus einem „ich jammer dir die Ohren voll“ entsteht manchmal ein richtiger, echter Austausch, für den im Alltags mit Geplänkel und Floskeln oft keine Zeit ist. Und plötzlich ist da wieder Platz für positive Gedanken, man kommt raus  aus der Starre und kann weitermachen.

Genau so geht es mir mit dem Pöbeln. Einmal ordentlich aufregend – und sich besser fühlen. Ein kleines, reinigendes Pöbel-Gewitter, das tut genau so gut wie einmal ordentlich zu heulen, wenn es einem nicht gut geht. Ich glaube, manche Dinge muss man einfach rauslassen, statt sie in sich reinzufressen. Wenn man es auch noch schafft, dabei auf seinen Ton und die Wortwahl zu achten, macht man seinem Gegenüber vielleicht sogar nachhaltig bewusst, dass er sich blöd verhalten hat.

Mit dem richtigen Ton und einer angemessenen Wortwahl nimmt man dem Pöbeln den motzigen, aggressiven Charakter. Wobei der manchmal auch einfach angemessen ist. Niemand kann immer nur nett, immer nur lächeln, Friede, Freude, Eierkuchen.

Wohin mit all dem Alltagsjammer?

Die große Frage ist: wem jammert man die Ohren voll? Irgendwann kann es selbst der noch so verständnisvolle Partner nicht mehr hören und auch die allerbeste Freundin verdreht irgendwann innerlich die Augen. Oder sagt klipp und klar: Jetzt reichts aber mal. Nur – wohin dann mit all der Pöbel-Energie? Damit sie sich nicht aufstaut und möglicherweise in einem Wut-Vulkan explodiert und die falschen unter sich begräbt?

Ich hatte zwischenzeitlich die Idee, einfach alles, was ich normalerweise holterdipolterpöbelig in die Welt oder Andrés Ohren hinausposaunen würde, aufzuschreiben. Eine Art Pöbel-Kolumne draus zu machen. Pinkepank pöbelt. Über verlorene Hausschuhe in der Kita, über die rücksichtslose Frau, die meiner Tochter ihre Handtasche an den Kopf knallt und sich nicht mal entschuldigt. Über Hundekacke unter den Schuhen und darüber, dass man alles soll, aber nichts mehr darf.

Hab ich mich nicht getraut. Wer will schon regelmäßig über den Ärger von anderen lesen, wenn er eigentlich im Internet unterwegs ist, um sich mit kreativen Bastelideen, leckerem Kuchen und schönen Styles vom eigenen Alltagsgejammer abzulenken? Eben.

Aber dieser Post, der muss raus. Er muss. Vor allem, weil ich ihn auf den Tag genau vor einem Jahr geschrieben habe und mich gerade wieder ganz genau so fühle.

Wo ladet ihr euren Jammer, euern Pöbeln ab? Lasst ihr solche Gefühle überhaupt raus? Oder schluckt ihr sie runter? Kleines Angebot von mir: pöbelt gern in den Kommentaren drauf los. Haut raus, was euch aufregt, womit ihr sonst niemandem in den Ohren liegen möchtet. Pöbeln bei Pinkepank.

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