Das Leben Eben
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Life Update – Das Leben eben. Von einer Kündigung, mehr Gleichberechtigung und Familienzeit.

Life Update - Das Leben eben. Von einer Kündigung, mehr Gleichberechtigung und Familienzeit.

Sehr geehrter Herr Professor, 

nach einem knappen halben Jahr in Ihrer Klinik hat sich für meine Familie und mich gezeigt, dass die Arbeit im Schichtdienst nicht mit einem zufriedenstellenden Familienleben vereinbar ist, solange unsere Kinder noch so klein sind. Deswegen kündige ich zum Ende des Monats.

Mit freundlichen Grüßen, …

Irgendwann, in den ersten Wochen der Schwangerschaft mit Ella saß ich heulend auf unserer Küchenbank. Ich hatte 4 wahnsinnig anstrengende Tage hinter mir und konnte mir einfach beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich solche Wochenenden mit noch einem Kind mehr meistern sollte.

Solche Wochenenden?

Solche Wochenenden bedeutet in dem Fall 4 Tage „alleine“ mit den Kindern. Weil André von Freitag auf Samstag einen 24-h-Dienst hatte und von Sonntag auf Montag noch einen 24-h-Dienst. Freitag und Sonntag alleine. Und weil man nach vierundzwanzig langen Arbeitsstunden erstmal schlafen muss und auch nicht wirklich zu irgendwas zu gebrauchen ist, auch Samstag und Montag so gut wie alleine.

Schnell war klar, so geht das nicht mit dreien. Und so wollen wir es nicht. Die Arbeitszeiten wurden zwar angenehmer, nachdem André auf eine 75%-Stelle reduziert hatte und „nur noch“ etwa 45 Stunden pro Woche in der Klinik war. Strukturelle und personelle Änderungen sowie der lange Fahrtweg machten die Zukunft in besagtem Krankenhaus dennoch zunehmend unattraktiv. Eine neue Lösung musste her.

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Neue Stelle, neues Glück?

Eine neue Stelle hatte André tatsächlich ziemlich schnell in Aussicht. Viel dichter, mit guten Aussichten und fordernder Medizin. Den Haken an der Sache, den wir in Kauf nahmen: Nachdem er vorher eine Intensivstation geleitet hatte, würde er nun erstmal als Assistenzarzt arbeiten. Zwar mit dem Gehalt eines Facharzt mit Berufserfahrung, dennoch insgesamt deutlich weniger. Egal, das würden wir schon hinkriegen. Ich könnte etwas mehr arbeiten und wir alle uns ein bisschen einschränken. Kalkuliert, überlegt, entschieden.

Nach zwei Monaten Elternzeit, in denen wir uns ordentlich zurecht ruckeln mussten, ging dann das „normale“ Leben weiter. Neues Krankenhaus und die Hoffnung auf mehr Zeit für die Familie.

Ernüchternd schnell merkten wir, dass der Satz, den der ärztliche Kollege am Hospitationstag so nebenbei fallen ließ, wohl mehr Wahres hatte, als uns lieb war.

„Mehr Familienzeit? Und da willst du hier anfangen? Die Oberärzte haben hier alle keine Familie mehr…“

Ob das wirklich stimmt oder nicht – nach 5 Monaten im neuen Krankenhaus wurde uns beiden klar und klarer: so gehts auch nicht. Überstunden ohne Ende, als Familie verbrachten wir so gut wie gar keine Zeit mehr zusammen. Wir zwei sahen uns auch kaum noch, hatten keine Zeit mehr Dinge zu besprechen, geschweige denn, mal Zeit miteinander zu verbringen. Auch ein nicht unerhebliches Argument – der geringere Verdienst. Der wirklich dafür sorgte, dass ich deutlich mehr arbeiten musste – das aber durch die vielen Überstunden und den Schichtdienst immer irgendwie in meinen Tagesablauf mit den Kindern quetschen musste.

Klar, ärztliche Maßnahmen müssen dokumentiert werden. Angehörigengespräche müssen geführt werden. Instabile Patienten müssen versorgt werden.  Da kann man nicht einfach sagen: tschüss, ich hab jetzt Feierabend, meine Familie wartet auf mich. Ich weiß das, ich kenne das. Dafür habe ich selbst lange genug im Krankenhaus gearbeitet.

Und ja – Texte schreiben, Nachrichten und Emails beantworten, klar, das kann ich theoretisch auch alles noch abends im Bett. Aber eben auch nur theoretisch. Weil auch meine Tage lang sind und auch ich irgendwann so müde bin, dass ich nicht mehr denken kann. Dann flutscht kein Text mehr einfach so, dann wird alles zur Quälerei. Dann wird alles anstrengend und die Stimmung schlecht.

Durchbeißen oder raus da?

Im letzten Monat, im sechsten Monat der Probezeit drängte sich immer häufiger der Gedanke auf, dass wir so nicht weitermachen konnten. Ich wollte nicht mehr ständig um meine Zeit zum Arbeiten kämpfen müssen. Ich wollte nicht mehr nur noch hören, wie André nachts um halb eins die Tür aufschließt, kurz bevor mir die Augen zufallen. Nur noch „Hallo Schatz“ und „Tschüss Schatz“ im Halbschlaf murmeln.

Life Update - Das Leben eben. Von einer Kündigung, mehr Gleichberechtigung und Familienzeit.

Ich wollte nicht mehr alles alleine machen, nicht mehr alleine für die Kinder zuständig sein, für den Haushalt und auch noch das „weniger an Gehalt“ ausgleichen müssen. Denn auch, wenn wir uns eigentlich so weit die Aufgaben um Kinder und Haushalt teilen – eigentlich geht halt auch nur, wenn man auch mal zuhause ist.

Wir haben so viel über die Situation geredet, wie es die knappe gemeinsame Zeit zuließ. Zum Glück waren wir uns sehr schnell sehr einig. Dieses Modell von Familie ist für keinen von uns das, was wir uns wünschen. Nicht das, was wir leben wollen. Nicht das, was wir unseren Kindern vorleben wollen.

Ein paar Jahre lang durchbeißen? Oder: was bereut man eigentlich am Ende des Lebens?

Natürlich haben wir auch die Option in Betracht gezogen, einfach durchzuhalten. Für die Karriere. Für das Gefühl, nicht „aufgegeben“ zu haben. Hin und her, für und wider haben wir diskutiert und besprochen. Uns Möglichkeiten und Szenarien ausgemalt. Was wäre wenn?  Es könnte so leicht sein und ist so schwer. Sicher ist nur – so wie jetzt geht es nicht, nicht mehr, nicht mehr lange. Es fühlt sich an, als ob die Umstände uns kaputt machen.

Den Ausschlag aber hat ein Gespräch gegeben das wir hatten, nachdem ich einige Tage in Dauerschleife Bosse gehört hatte. Alles ist jetzt und Ich bereue nichts. Ich weiß, ich weiß, den Namen Bosse kann der ein oder andere hier vielleicht schon nicht mehr hören. Aber niemand trifft so wahr immer zur richtigen Zeit die richtigen Worte, trifft den Nagel auf den Kopf und ganz tief ins Herz.

All we have is now

„Alles ist jetzt, einfach machen, einfach machen.“

Das habe ich schon zu meinem Motto für 2019 auserkoren. Noch tiefer treffen mich eigentlich immer, wenn ich sie höre, diese Textzeilen:

„Wenn ich in den Rückspiegel seh, sind da mehr Lacher als Tränen, ist da viel mehr Freude als Bullshit. Ich bereue nichts, ich bereue nichts…“ (Bosse, Ich bereue nichts)

Die Frage, die ich mir daraufhin immer wieder gestellt habe, war: Woran möchte ich mich erinnern, wenn ich sterbe? Möchte ich mich immer gefangen gefühlt haben? Gedacht haben „ich würde so gerne dies und jenes“, möchte ich bereuen, Dinge nicht getan zu haben?

Ein bisschen makaber vielleicht, aber einfach auch nicht ganz unrealistisch: wenn einer von uns krank würde, todkrank, sterbenskrank – wäre dies das Leben, das ich leben wollen würde, wenn ich wüsste, dass ich nur noch ein paar Monate habe? Möchte ich nicht auch lieber Freude statt Bullshit im Rückspiegel sehen?

Life Update - Das Leben eben. Von einer Kündigung, mehr Gleichberechtigung und Familienzeit.

Die Entscheidung

Das entscheidende Gespräch also. Wieder auf der Küchenbank, Ella in meinen Armen. Wieder dieses hin und her, das Gefühl, hin und hergerissen zu sein, sich einfach nicht entscheiden zu können. Bis ich irgendwann genau das zur Sprache brachte. Meinst du wirklich, wenn wir sterben, bereuen wir es, nicht genug gearbeitet zu haben? Jeder, der mit sterbenden Menschen arbeitet, weiß, dass es nicht die Arbeit ist, die am Ende zählt.

Sondern das eine Wochenende am Meer jeden Monat. Der vier Wochen Auszeit, den man sich zum Reisen genommen hat. Die verbummelten Nachmittag gemeinsam mit der Familie, mit Eis und Spätsommersonne. Familienkuscheln vor dem Fernseher. Pizzapicknick im Wohnzimmer. Oder im Stadtpark. Grillen mit Freunden. Gemeinsame Abende. Mit Spielen, Filmen, Popcorn. Das Lieblingsbuch zum zehnten Mal lesen.

Dieses Gespräch, dieser Moment war es, in dem die Entscheidung fiel. Für eine Kündigung noch in der Probezeit. Für das Gefühl von mehr Selbstbestimmtheit, von etwas Freiheit und ja, auch mehr Geld.

https://www.pink-e-pank.de/2018/08/13/holter-holper-di-polter-stolper-sechs-wochen-zu-fuenft/

Wie geht’s weiter?

André hat gekündigt und wird ab März als Honorararzt arbeiten. Das heißt, in Kliniken die Dienste machen, für die klinikintern kein Personal zu finden ist. Auf Grund von Krankheiten, Elternzeiten, Mutterschutz, schlechter Personalplanung, whatever. Das ist natürlich eine Herausforderung, in vielerlei Hinsicht. Zum einen sind wir dann beide selbstständig, die Sicherheit eines festen Gehalts fällt also ein Stück weit weg (was auch der Grund dafür ist, dass ich im Moment mehr Kooperationen annehme als sonst, um uns einen kleinen Puffer zu verschaffen). Und es bedeutet für André, dass er kein festes Team mehr hat, jedes mal „der Neue“ ist. sich immer neu zurecht finden muss.

Auf der anderen Seite bedeutet es für uns deutlich mehr Flexibilität, weil wir den „Dienstplan“ selbst gestalten können. Und weil der Stundenlohn höher ist, sieht es bis jetzt nach deutlich mehr Zeit für uns als Familie aus. Oder nach mehr Gehalt. Je nachdem, was wir gerade mehr brauchen, können wir hier etwas variieren. Außerdem freue ich mich sehr darauf, unsere Arbeitszeiten und Aufgaben zuhause angleichen zu können. Denn um gleichberechtigteres Arbeiten – in Bezug auf Erwerbsarbeit und Care-Arbeit – ging es ja neben mehr Familienzeit und dem Gehalt auch.

Wir werden sehen, wie es die nächsten Monate läuft. Ich werde berichten, wie sich dieser neue Job entwickelt, ob er hält, was er verspricht. Bisher sieht es so aus, als ob das so klappen könnte, wie wir es uns vorstellen. Auf jeden Fall fühlt sich seit der Entscheidung zum ersten Mal seit Monaten das Leben wieder leichter an.

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