Das Leben Eben
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Alltagsgeschichten. Von Familienmüdigkeit und Familienfrust.

Alltagsgeschichten. Von Familienmüdigkeit und Familienfrust.

Freitagvormittag. Das Baby hängt zufrieden in der Trage, nuckelt am Träger und streckt immer mal wieder die kleine Hand nach mir aus. Befühlt mein Gesicht. Schaut mich mit großen, blauen Augen und in diesen kurzen Momenten ist jede Faser meines Körpers glücklich.

Einen Wimpernschlag meiner müden Augen später spüre ich sie wieder. Die Erschöpfung. Weil das Baby die halbe Nacht gespuckt hat und fiebert. Die Enttäuschung, weil ich schon wieder einen Termin absagen muss. Kind krank, Mama bleibt zuhause. Dass der Zug nach Berlin bezahlt ist, ich mich auf diesen Tag, die Themen und Menschen gefreut habe – egal. Natürlich gehen die Kinder vor. Immer. Seit fast 7 Jahren, wenn man die Schwangerschaft mitzählt.

Einer dieser Tage – wenn alles zusammen kommt

Dazu kommt – Kitafrei. André kam heute morgen aus dem Nachtdienst. Eigentlich hätte er heute auf die Kinder aufgepasst und für den Kindergeburtstag eingekauft. Während ich in Berlin arbeite. Das wäre nach einer ganzen Nachtdienstwoche, direkt nach dem Nachtdienst ohne Schlaf vor allem eins: ziemlich hart. Das weiß ich. Trotzdem war ich so froh, auch mal meinem Termin Priorität gegeben zu haben. Das Gefühl zu haben: ja, dein Job ist auch wichtig. Dein Job wird auch als solcher angesehen.

Ich war beschwingt, beflügelt, euphorisch, Tasche gepackt, das Riesending, für einen Tag Berlin mit Baby.

Alltagsgeschichten. Von Familienmüdigkeit und Familienfrust.

Als ob sie es riechen könnten

Beim dritten Kind sollte ich es eigentlich besser wissen. Natürlich haben sie keinerlei Schuld daran. Aber in den sechs Jahren als Mutter habe ich, zumindest in den Babyjahren, viele, viele Termine und Verabredungen abgesagt. Weil immer, wenn ICH etwas vorhabe, jemand krank wird. IMMER. Also fast. Aber dieses Gefühl, dass immer die Mama zurücksteckt, schleicht sich an. Es nistet sich ein. Und macht mich an manchen Tagen familienmüde. Familienfrustriert.

Natürlich liebe ich meine Familie. Jeden einzelnen von ihnen. Ich habe mich für meine Familie entschieden und das auch alles so gewollt. Trotzdem wünsche ich mir an manchen Tagen, ein bisschen egoistischer zu sein. Zu sagen: egal, ich habe heute einen Termin, seht zu, wie ihr das hinkriegt. Und manchmal wünsche ich mir auch, meinen Job, den ich einfach auch sehr liebe, mal eine zeitlang ohne Familie machen zu können. Jede Einladung annehmen zu können, heute nach Berlin, übermorgen Köln, abends Eröffnungen feiern, nach Hause kommen und einfach schreiben. Ohne Unterbrechung. Im Fluss.

Streit vorprogrammiert

An solchen Tagen wie heute ist Streit vorprogrammiert. An solchen Tagen, an denen alles zusammenkommt. Kitafrei. Müdigkeit. Enttäuschung, Frustration. Tage, die ich zum Arbeiten geplant hatte, an denen mein Kopf aber stattdessen zu explodieren scheint und ich keinen einzigen Gedanken zu Ende denken kann. Weil immer jemand singt. Jemand quatscht. Jemand weint. Schreit. Jemand Hunger hat. Durst. Weil eine Rassel runterfällt.

So sehr ich mich bemühe, so sehr ich mich zwischendurch zurück nehme und mir sage: „Es kann niemand was dafür, einfach 10x atmen, in 10 Jahren wird es keine Rolle mehr spielen, sie sind nur einmal so klein, noch 5x atmen…“. An solchen Tagen klappt es nicht. Als ich zum sechsten Mal so ruhig wie möglich sage: „Jetzt geht ihr bitte ins Bad, putzt eure Zähne, wascht euch und zieht euch danach an.“ und als Antwort wieder nur feixend „Heute ist frei, wir machen uns nicht fertig!“ entgegen geschmettert bekomme, platzt mir der Kragen.

Alltagsgeschichten. Von Familienmüdigkeit und Familienfrust.

Leere Drohungen

Alle bedürfnisorientierten Ansätze fliegen über Bord, ich schwinge die „Wenn-Dann-Drohkeule“ und wenn ich die Drohung wahr mache, bekommt hier morgen als Konsequenz ein Kind keinen Adventskalender. Ich ärgere mich schwarz über diese sinnlose Drohung, denn natürlich schneide ich mir damit ins eigene Fleisch. Jeden Morgen ein wahlweise trauriges, wütendes, enttäuschtes Kind – auch keine schönen, harmonischen Aussichten. Gemütliche, besinnliche Vorweihnachtszeit adé.

An solchen Tagen frage ich mich manchmal, warum ich das eigentlich mache. Warum ich das so mache, warum wir es so machen, als Familie. Arbeiten, trotz Baby. Zwei Vollzeit-Jobs, drei Kinder. Riesige Wohnung. Kein Garten. Schichtdienst. Ansprüche. Aber es bleibt keine Zeit zum Reflektieren. Die Waschmaschine mit der Wäsche der Nacht piept, ein Becher mit Wasser kippt auf dem Tisch um. Übrig bleibt heute: ein schales Gefühl.

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15 Kommentare

  1. Frau.Johannsen sagt

    Du bist nicht allein! Wenn ihr die Arbeit macht, weil ihr sie liebt, dann ist das doch richtig. Wenn man sich nur selbst geißelt, um die riesige Wohnung, das neue Auto oder sonstige Luxusgüter bezahlen zu können, dann finde ich es Quatsch. Denn arbeiten für die Kohle können wir noch genug, wenn die Kinder so groß sind, dass wir glücklich sind, sie noch beim Abendessen zu sehen.

  2. Liebe Johanna,
    Danke für deine ehrlichen Worte. Du schreibst, dass du dir an manchen Tagen wünschst egoistischer zu sein…ich frage mich was dich davon abhält. Ich beobachte die gleiche Situation bei meiner Schwester, sie ist Mama von drei Jungs ( der große ist 5, die beiden kleinen 2) und sie ist diejenige die immer mit den Kindern zuhause ist. Und genau wie bei dir ist fast immer, wenn wir verabredet sind eins der Kinder krank und sie sagt ab, weil sie ihren Mann ja dann nicht mit den Kindern alleine lassen kann. Aber wieso nicht? Sie ist doch auch den ganzen Tag alleine mit der Rasselbande. Wieso kann er das nicht auch? Ich verstehe nicht warum Mütter sich nicht mehr für Ihr Bedürfnisse einsetzen, ihr habt doch das gleiche Recht auf Zeit ohne Kinder wie eure Männer. Ich hoffe du verstehst, wie ich das meine. Ihr liebt eure Kinder doch nicht weniger oder seid schlechte Mütter, nur weil ihr auch mal an euch denkt. Ich wünsche dir viel Kraft für solch anstrengende Tage.

    • Johanna sagt

      Liebe Sue, bei mir ist es zum einen im Moment natürlich die Tatsache, dass ich noch voll stille. Klar, Flasche ist eine Alternative, haben wir aber einfach noch nichh ausprobiert. Und wenn die Kinder krank sind, es ihnen schlecht geht und sie einfach nur in Mamas Arm wollen – da ist mein Wunsch nach Egoismus ganz schnell verflogen. So ist das irgendwie. Da schaffe ich es auch nicht, loszugehen. Ganz liebe Grüße!

    • Hallo Sue,

      Weil Kinder eben im Krankheitsfall noch mehr an der Mutter hängen, gerade wenn man den ganzen Tag mit ihnen zusammen ist. Außerdem geht man immer mit schlechtem Gewissen und fragt sich eh permanent wie es ihnen gerade geht.
      Ich will Väter nicht in Schutz nehmen, es gibt eibige, die das trotzdem super hinbekommen.
      Doch zu welchem Preis zieht man sein Ding durch? Zuhause geht alles drunter und drüber, die Kinder sind verunsichert oder sauer. Man selbst kann sich nicht konzentrieren, weil die Nacht bescheiden war und man sich in Gedanken vorstellt, dass zu Hause die Katastrophe eintritt?
      Natürlich kann man wichtige Termine doppelt absichern mit Schwestern/Großmüttern etc in Bereitschaft, falls wieder alles daneben geht.
      Am Ende zählt für jeden seine Prioritäten selbst zu setzen, nicht jeder Termin ist gleich wichtig.

      Liebe Johanna! Ein Hoch auf Andre, dass er das nach 1 Woche Nachtdienst auf sich genommen hätte. Fühl dich gedrückt und beim nächsten Termin mehr Helfer einplanen.

      • Nadine sagt

        Hallo Anne,
        bei uns war das früher auch so, dass das Kind (3) sehr an mir gehangen hat, aber da wir hier uns bei Krankheitstagen abwechseln (wobei nicht mal 50/50), funktioniert das mittlerweile sehr, sehr gut mit Papa. Hier ist die Papa-Kind-Bindung im Laufe des dritten Jahres so eng geworden, dass das Kind morgens teilweise weint, wenn Papa schon aus dem Haus ist. Das kann sich wirklich positiv entwickeln (der Papa war vorher auch eine Bezugsperson, aber wir hatten ein sehr an Mama hängendes Kind die ersten eineinhalb, zwei Jahre).
        LG Nadine

  3. Cathrin sagt

    So darf man sich auch mal fühlen, gerade mit Dreien,

    geht mir auch oft so und dann denke ich was wäre wenn…

    Aber das Positive überwiegt dann doch meist, fühl dich gedrückt

  4. Liebe Johanna, danke für diesen Text. Ich finde Deine Ehrlichkeit total prima, etwas das anderen Instagramerinnen und Bloggerinnen leider abhanden gekommen ist.

    Solche Tage wie Du ihn beschreibst kenne ich – auch wenn hier derzeit nur ein Kleinkind rumhüpft und das Baby noch im Bauch ist. Wir leben ebenfalls bedürfnisorientiert und ich reflektiere abends oft den gesamten Tag – dabei frage ich mich meistens, warum ich in vielen Situationen nicht anders/besser/bedürfnisorientierter reagieren konnte. Und schwöre mir es beim nächsten Mal besser zu machen. Was wir leider oft vergessen: all die guten Momente, in denen wir alles „richtig“ gemacht haben. Wir sehen immer nur das Schlechte, anstatt uns auch mal selbst zu loben.

    Was mir durch schlechte Tage/Zeiten hilft ist ein Zitat aus dem Baby Sleep Book von William Sears (dem Vater des Attachment Parentings): This too shall pass. Es geht vorbei. Es kommen wieder andere Zeiten. Leichtere Zeiten.

    Alles Liebe & gute Besserung an Dein Babymädchen
    Maggie

  5. Heike sagt

    Ich kann deine Gedanken so sehr nachvollziehen und habe auch keine Lösung! Aber eins kann ich dir sagen: es wird besser! Und zwar bald! Bei uns: 3 Kinder, mittlerweile 11,9 und bald 5. Und beide Eltern mit vollem Job. Was waren das teilweise für stressige Zeiten. Aber seit bald 2 Jahren Habenichts das Gefühl, dass es aufwärts geht. Die Große ist mittlerweile unglaublich selbstständig. Braucht mich seltener, dafür besuchen wir mittlerweile Konzerte zusammen. Auch der mittlere wird immer freier und organisiert sich nachmittags selbst, wenn h es nicht rechtzeitig nach Hause schaffe. Und nun bin ich nachmittags oh in der Situation alleine zu Hause zu sein, zumindest stundenweise, oder nurzwei kleine zu Hause zuhaben (die kleinste plus Besuch). Ich kann eine ganze Woche auf Fortbildung ohne absagen zu müssen, weil ein kind krank ist. Das einzige was nicht weniger wird: die Wäsche und das einkaufen, aber was soll’s! Durchhalten, es wird!!!!

  6. Oh Mann, du beschreibst das so treffend. Gefühlt den halben Monat mit kranken Kindern zu Hause geblieben. Wichtige Projekte mit viel Planung und Herzblut, die andere für mich abschließen mussten. Ich stattdessen vollgespuckte Bettwäsche gewaschen. Seit Jahren immer zu wenig Schlaf, praktisch keine Zeit für sich selbst. Mir macht das gerade auch gar keinen Spaß. Und mir fallen auch keine aufmunternden Worte ein, außer: ich fühle mit dir!

  7. Ach du liebe – ich versteh dich so gut! Auch wenn das bloggen nicht mein Job ist – und es somit egal ist ob mal was online kommt oder nicht – so kenne ich alles andre. Ich würde so gerne auch mal abends weg oder irgendwas nur für mich machen – und nixjt nur 2-4 Stunden . Aber da ist noch der kleine der mich braucht. Oder eben einfach mal bloggen, Fotos machen, in Ruhe basteln…. es gäbe soooooviel. Ich muss mir dann immer wieder sagen, dass das gerade einfach meine Aufgabe ist – Mama sein! Und ich weiß dass auch wieder andre Zeiten kommen. Und dass mit dem drohen kenne ich – ach was wird hier zur Zeit geschimpft – es macht null bock.
    Aber wir lernen alle es besser zu machen.
    Ich drück dich feste und wünsche dir und euch dass morgen ein toller erster Dezembertag wird!
    Deine Dani

  8. Frau Tilly sagt

    Diese Tage haben viele. Danke, dass du sie thematisierst.
    Dass wir an solchen Tagen leere Drohungen aussprechen, auch mal motzen und einfach alles kacke finden, ist doch nur menschlich. Und wir dürfen auch mal mies drauf sein und sollten uns dafür nicht rechtfertigen müssen. Solange wir den Kindern unsere Gefühlswelt transparent machen und uns für Ungerechtigkeiten entschuldigen, dürfen wir uns nicht schuldig fühlen.
    Ich kann deine Gefühle sehr gut nachvollziehen. Auch wir arbeiten beide mit zwei Krippen- und Kitakindern voll. Mein Job endet leider auch nicht mit dem Verlassen des Arbeitsplatzes. So hab ich eigentlich einen 3-Schicht-Tag: Unterrichten von besonderen Kindern, im Anschluss gleich in die Kita Kinder holen und Nachmittagsgestaltung und nach 9 dann noch vorbereiten. Und irgendwo dazwischen muss der Haushalt noch gewuppt werden. Gottseidank übernimmt der Papa die Kinder morgens.
    Du machst das großartig und wuppst euer Familienleben super. (Danke für deine Planer, die auch mein Gedanken ordnen)❤️
    Morgen wird es besser. 🍀

  9. DANKE! Mehr ist dazu nicht zu sagen! Vielleicht noch, dass du großartig bist!! Aber vor allem danke für deine iglffeneb Worte!

  10. Nadine sagt

    Liebe Johanna,
    ich finde diese Texte immer besonders schön geschrieben. So auch dieser hier, und ich kann vieles was du schreibst auch nachvollziehen.
    Tatsächlich frage ich mich manchmal, ob deine Erwartungen realistisch sind? Ist das, was ihr euch vornimmt, wirklich machbar? Oder nur machbar, wenn es an die eigenen Reserven geht? Das kann ja auch sein, und das kann man für einige Zeit ja auch mal machen.
    Diese Nachfrage meine ich gar nicht wertend und das kannst du dir auch nur selbst beantworten. Woran ich nur manchmal denke: Meine Mama fand mindestens das erste Jahr mit drei Kindern (von denen zwei sogar schon Schulkinder waren) heftig, und das obwohl wir in ganz engem Kontakt mit den Großeltern aufgewachsen sind. Es war normal für uns, dass wir dort einige Stunden, Nachmittage oder Nächte verbracht haben. Berufstätig war meine Mutter nicht.
    Ihr wuppt drei Kinder, von denen eins noch voll gestillt wird, und seid beide berufstätig. Das meine ich ohne jeglichen Vorwurf. Ich kann deinen Frust über das Zurückstecken gut verstehen, mir ging das in den ersten zwei Jahren mit einem Kind ähnlich. Immer war ich zuständig, nur morgens direkt nach dem Aufstehen war Papazeit. Ich habe fast drei Jahre lang dieses Kind jeden Abend ins Bett gebracht, weil mein Sohn diese Mama-Nähe zum Einschlafen brauchte. Für mich war die Eingewöhnung in den Kindergarten mit zwei eine unglaubliche Entlastung (nach einem gescheiterten Versuch mit 1), und eine Befreiung. Ich habe dort auf dem Flur gesessen und geweint, weil ich das so sehr gespürt habe, nicht mehr alleine verantwortlich zu sein (tagsüber).
    Ihr werdet eure eigenen Lösungen finden (und in Bezug auf deine Story heute – wo du ansprichst, dass einige schreiben, mach einfach weniger von allem und es wird besser), wie genau die aussehen, könnt nur entwickeln. Sich Unterstützung zu suchen kann viel Sinn machen, ich bin gespannt, ob und was du dazu mal preisgibst. Gerne auch als Blogspost, ich gucke z.B. nur ab und zu Stories bei Instagram, weil ich meine Insta-Zeit z.B. massiv eingeschränkt habe, nachdem ich in einem „Detox“ gemerkt habe, dass es mir so viel besser geht. Eine meiner Lösungen.
    Viele liebe Grüße

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