Das Leben Eben
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Weg mit den Gehweg-Surfern?

Manchmal passieren mir Dinge, die mich einfach fassungslos machen. Vorhin zum Beispiel. Ich bin gut gelaunt auf dem Weg nach Hause von einer kleinen Beauty-Behandlung bei Adam&Eve. Mein Freund hat extra früher Schluss gemacht, damit ich ohne die Kinder gehen kann und eine kleine Auszeit vom Mama sein habe. Auf dem Rückweg mit dem Bus zum Schlump, von da zu Fuß nach Hause durch die Schanze. Zwischen Schlump und der S Sternschanze ist der Gehweg ziemlich eng und ich weiche prinzipiell nicht auf den Fahrradweg aus, die Fahrräder fahren hier viel zu schnell und ja, Fußgänger auf dem Fahrradweg stören eben.

 Natürlich checke ich im Gehen Instagram, wann kann ich das schon so ohne Kinderunterbrechung. Mittlerweile hab ich einen guten Blick dafür, nirgends gegenzulaufen und auch meine Mitmenschen nicht aus den Augen zu verlieren.

Auf halber Strecke kommen mir 3 Männer entgegen, sie gehen in einer Reihe nebeneinander und ich scanne blitzschnell, wenn der äußere ein Stück zur Seite geht und ich auch, passt das.

Kurzer Schulterblick, damit ich nicht vor’s Fahrrad laufe, da rammt mich, in der Sekunde, als ich wieder nach vorne gucke, eine Schulter. So richtig mit Schmackes, das war kein unaufmerksames Anrempeln, das war pure Absicht.

Ich taumle, mein Handy fällt mir aus der Hand. Nachdem ich es aufgehoben habe, drehe ich mich um und brülle: „Hey, was soll das denn?“ in Richtung des Typen, der schon 5 Meter weiter ist. Er, schätzungsweise Mitte 50, im kurzärmeligen, karierten Hemd, eher der Akademiker- als der Prolltyp, dreht sich um und ruft: „Selbst Schuld, Sie haben doch aufs Handy geguckt, nicht ich!“.

Aha. Das sollte also eine Erziehungsmaßnahme sein. Ich bin sprachlos, zittrig vor Wut, fühle mich ungerecht behandelt und brülle ihm dann doch noch ein „Arschloch“ hinterher.

Ich gehe weiter, immer noch zittrig und am liebsten möchte ich heulen. Vor Wut, vor Enttäuschung, weil in der sommertagbevölkerten Schanze nicht einer reagiert. Niemand fragt mich, ob alles okay ist, niemand ergreift Partei für mich. Oder ihn.

Auf dem restlichen Heimweg denke ich darüber nach, was da eigentlich gerade passiert ist. Jemand, der höchstwahrscheinlich von der „Jugend“, die immer nur ins Handy starrt, genervt ist, erdreistet sich, auf der Straße wildfremde Menschen erziehen zu wollen. Und zwar mit einem tätlichen Angriff.

Ich bin auch oft genervt von den Menschen hier in den Straßen der Schanze. Sie gehen so langsam, dass man ihnen dabei die Schuhe neu besohlen könnte, bleiben alle 2 Meter stehen und machen es trotzdem irgendwie unmöglich, sie zu überholen. Von den Zehner-Gruppen, die mitten auf dem Gehweg stehen bleiben, um eine Viertelstunde zu beratschlagen, in welches Café sie gehen, will ich gar nicht erst anfangen.

Aber ich würde nie, nie, niemals im Leben auf die Idee kommen, einen von Ihnen anzurempeln. Oder mir mit dem Kinderwagen einfach Platz zu machen.

Weil ich bestimmt auch schon oft jemanden genervt habe. Weil ich auch oft genug in fremden Städten, von denen ich begeistert und fasziniert war, stehen geblieben und geguckt habe. Und zwar alle zwei Meter, mindestens!

Und weil ich von meinem Freund mitterweile gelernt habe, dass man sich immer auch mal in die Situation der anderen hineinversetzen muss.

Weiß der Mann, warum ich im Gehen auf mein Handy geschaut habe? Vielleicht hab ich gerade ein riesiges, tolles Job-Angebot per Mail bekommen, vielleicht hat mir mein Freund gerade geschrieben, dass das Baby nicht aufhört zu brüllen und ich mal einen Zahn zulegen soll. Oder vielleicht bin ich auch einfach nur eine Mutter, die 10 Minuten Fußweg ohne Kinder dazu nutzt, Instagram zu checken. So what?

 Ich weiß, wir leben hier in einer großen, anonymen Stadt, aber trotzdem finde ich, dass auch hier jeder ein Mindestmaß an Respekt verdient hat. Egal, wie doof man manche Verhaltensweisen von anderen findet. Man kann sich drüber aufregen, laut oder im stillen Kämmerlein. Oder man lässt es ganz einfach. Aber egal, für welche Variante man sich entscheidet – ganz sicher kann man, sollte man, niemanden einfach so wegrempeln, weil man denkt: Die Alte hat’s verdient, dass ihr blödes iPhone jetzt mal in tausend Teile zerspringt, weil sie nicht richtig auf die Straße guckt.

Ich hoffe sehr, dass das mein letztes Erlebnis dieser Art war.

 

Fotos: André Hofmeister

15 Kommentare

  1. Caro sagt

    Ach Johanna, vielen Dank für diesen Beitrag! Und Halleluja für dein ausgesprochenes „arschloch“!!
    Wie oft passiert es mir, dass jemand mir entgegen kommt und dabei aufs Handy schaut. Meine Güte, dann weiche ich halt aus! Und ja, sogar mit Kinderwagen kann man ausweichen, Ich finde das inzwischen doch echt nichts mehr verwerfliches, ein Handy gehört heutzutage nun mal in den Alltag. Und wie du schon sagst – als Mama hat man halt manchmal nur die 10 Minuten Zwischen A und B um sich mal was anzusehen ohne dass eine zweijährige neben dir steht und drängelnd aufs Display stiert „Mama auch schaunen!“
    Lass dir bloß nix gefallen!
    Liebste Grüße, Caro

  2. Heute habe ich in Brügge kurzfristig tatsächlich auf der Straße gestanden, um ein gutes Foto machen zu können. Ich habe erst viel zu spät gemerkt, dass die Autos schon lange grün hatten und geduldig warteten, bis ich fertig war. Niemand hat gehupt oder mich dumm angepöbelt! Es gibt sicher immer ein paar Knalltüten, aber lass Dir von denen nicht den Spaß verderben!
    Liebe Grüße,
    Moni

  3. Boah, diese Erzieher regen tatsächlich auf. Etwas sagen ist noch einigermaßen in Ordnung, aber umrempeln? Das geht wirklich gar nicht. Ich denke mir so oft bei anderen Leuten meinen Teil (vor allem bei Kindererziehung), aber weiß ich, was gerade bei den Leuten los ist? Nein. Erst recht nicht ohne eigene Kinder. Und deshalb hält man die Klappe. Das schlimmste finde ich, wenn sich diese Leite dann noch im Recht fühlen.
    Nicht unterkriegen lassen und selbe besser handeln, oder?
    Liebste Grüße
    Eva

  4. Das ist echt krass. Wenigstens hattest du den Schneit was zu sagen. Ich finde das gehört sich gar nicht!

  5. Auf jeden Fall eine unangenehme Erfahrung, das ‚Arschloch‘ hätte ich ihm definitiv auch hinterher gebrüllt.
    Dennoch: Wie oft bin ich schon mit dem Fahrrad in Menschen gefahren, weil diese auf ihr Handy starrend und weltvergessend auf den Fahrradweg gelatscht sind, bin in sie hineingelaufen, weil sie am Ende der Rolltreppe (aufs Handy starrend) einfach stehen geblieben sind. Ich schaue selbst gelegentlich auf mein Handy – aber kann man dann nicht zur Seite gehen und stehen bleiben? Alles andere ist einfach etwas rücksichtslos. (was das absichtliche Anrempeln natürlich nicht rechtfertigt!)

    Trotzdem stimme ich dir zu: Diese Unfreundlichkeit im Alltag muss nicht sein, auch diese erzieherischen Maßnahmen von fremden Menschen nerven mich. Als mir das mal passierte, habe ich tatsächlich mit dem ironischen Spruch reagiert: „Achso, sie sind also einer dieser Menschen, die immer alles richtig machen!“

    Lass dich nicht ärgern von solchen Dummbatzen.

  6. Oh, das kann ich sehr gut verstehen. Blöde Leute gibt es!
    Und ich finde es ganz richtig, was du schreibst. Natürlich wirkt es auf den ersten Blick manchmal doof, wenn das Kind auf dem Arm ist, ruft und man selbst zb. auf das Handy schaut. Aber NIEMAND kann einfach verstehen, warum man das gerade so handhabt. Und nur unsensible, egoistische Menschen rempeln dann bewusst einen Fußgänger an. So etwas ärgerlches!

  7. Moin Moin Johanna,
    ich kann Dich und Deine Wut nur zu gut verstehen. Ich gehöre zwar in die Altersgruppe des *Arschloch*, kann aber solche Erziehungsmaßnahmen überhaut nicht verstehen.
    Lass doch die Menschen leben wie sie wollen. Aber das passt doch mal wieder zu dem typischen deutschen Miesepeter. Warum gehören die Deutschen zu den unzufriedensten Menschen? Hat wohl seinen Grund :-)
    Hab einen wunderschönen Tag
    Sylke

  8. Was für eine Scheißaktion war das denn??? Zu dritt nebeneinander laufen und ne Frauf anrempeln, weil die auf ihr Handy guckt??? Bei sowas flippe ich auch immer komplett aus! Du bist eine erwachsene Frau und Mutter! Was bildet der sich ein dich hier erziehen zu wollen?

  9. milo sagt

    Also mal abgesehen davon, dass mich dieses ständige Smartphone-Gedaddel eh nervt – was hier natürlich nichts zur Sache tut, weil mein Problem und andere Baustelle und so – ist das manchmal auch schlicht und einfach gefährlich, weil man eben nicht so achtsam ist wie man unter Menschen eigentlich sein sollte. Man ist abgelenkt. Natürlich ist es nie nie nie in Ordnung andere Leute absichtlich anzurempeln / zu verletzen / zu gefährden und so weiter. Nur, man gefährdet Menschen eben manchmal auch, wenn man im Gehen mit dem Smartphone rumspielt, anstatt sich halt für ne halbe Minute an den Wegesrand zu stellen oder sich zu setzen. Warum einer das Teil in der Hand hat, ist mir persönlich dabei echt völlig wumpe.
    In einer Fußgängerzone hält sich jetzt die dramatische Lebensgefahr, die von unaufmerksamen Leuten ausgeht, natürlich in relativ überschaubaren Grenzen, aber ich würd dann trotzdem einfach zur Seite gehen.
    Wieso man jetzt allerdings auf die Idee kommt andere Leute mutwillig anzurempeln, wird sich wie das meiste asoziale Verhalten nicht klären lassen. Ich streite mich in solchen Situationen dann oft gleich mit den Leuten, in einigen Fällen ist das dann auch wirklich schon in beiderseitiger Einsicht geendet. Kommt natürlich dann auch ein wenig auf die Intelligenz der Streitteilnehmer an. Ein Gespräch setzt ja meistens voraus, das auch der Andere mit seiner Kritik recht haben kann.
    Grundsätzlich gebe ich dir aber natürlich recht: n büschen Freundlichkeit, Achtsamkeit und Rücksicht schadet grundsätzlich niemandem. Wenn einer sich doof/unklug verhält, kann man ihn auch freundlich (!!!) darauf aufmerksam machen oder in diesem Fall hat selbst den Schritt zur Seite tun und gepflegt den Mund halten.

  10. Ich gebe dir volkommenRecht.
    Du warst dem guten ja wohl nicht total im Wg gestanden.. er hätte einfach vorbeigehen können.
    Ich bin ganz ehrlich: Beim skifahren, wenn die Leute wieder mal am Ausgang vom Lift eifnach in einer großen Gruppe stehen bleiben, so dass man gar nicht aussteigen kann, dabin ich oft versucht eifnach reinzufahren. ich rufe dann meistens nur „Ihr steht da echt schlecht!“
    Manchen wird es dann auch klar….
    Aber so mitten auf der Straße jemanden anrempeln? Ne, kann ich gar nicht verstehen. nen Prolligen Typen der da extra breit steht und schon so grinst: Ja… Jemanden der einfach mal aufs Telefon schaut oder verplant in der Gegend rumsteht: auf keinen Fall!
    Leute gibts….

    Mach dir nix draus.. A…Löcher gibts überall… auch hier auf dem Land.

    Viele liebe Grüße

    Franzy

  11. Ich kenne das leider vom Fahrradfahren. Im Prinzip ist es genau das gleiche. WENN ich auf dem Bürgersteig fahre (normalerweise halte ich mich an die Regeln), fahre ich langsam, gebe acht auf Fußgänger und halte Abstand von ihnen. Einmal war nicht viel los und wirklich viel Platz, dennoch drängte mich ein Fußgänger im Stechschritt gegen die Hauswand und brüllte mir ins Gesicht: „RÜCKSICHTSLOSE ARSCHLÖCHER!“ (… blablabla, er meinte damit Radfahrer im allgemeinen). Ich will ja dann nicht zurück beleidigen und brüllte ebenso böse zurück: Was fällt Ihnen überhaupt ein? (Die guten Antworten kommen einem ja immer erst hinterher.) Und ich frage mich heute noch: Was sind das für Leute, die sich zu solchen „Erziehungsmaßnahmen“ bemüßigt fühlen?
    Eben, es ist gut, beide Seiten zu kennen, und dann auch dran zu denken. Dann hätte sich die Frau, die uns gestern mit ihrem Auto dick und fett den Fahrradweg versperrte, auch nicht aufgeregt, als mein Mann ihr ungeduldige Zeichen gab, weil wir mit Kinderanhänger stehenbleiben mußten.
    Blöd, daß Dir das auch noch die Erholung zerstört hat.

  12. So etwas ist total nervig. Mehr als nervig. Es ist überflüssig, hallt im eigenen Kopf sehr lange nach und ärgert einen wahnsinnig.
    Aber soll ich dir etwas sagen: Lass den Ärger kurz raus. Zeigt diesem verbohrten Menschen was du von seiner Aktion hältst. Dann drehe dich um und denke nicht mehr darüber nach. Ist nicht einfach. Aber irgendwann lernt man damit umzugehen.
    Am Ende hat er nämlich das geschafft was er wollte.
    Du hast es doch schon so schön festgestellt: Der weiss doch gar nicht was du da auf deinem Handy gemacht hast.

    Er hätte lieber etwas vom Toleranzkuchen abbekommen sollen.

    :-)

  13. Susan sagt

    Ooh man, es gibt einfach so ne Tage…. Und ich bin auch ein Kandidat für solch unschöne Begegnungen. Sie ziehen mich quasi magisch an, obwohl gerade ich eher defensiv handle. Was mich wundert ist, dass dir so etwas in hamburg passiert. In 8 Jahren HH hatte ich noch keine dieser unangenehmen Begegnungen. In München allerdings ist mir so etwas ständig passiert. Da haben die Leute eine wesentlich höhere Grundaggressivität, finde ich und das ist natürlich alles subjektiv. Mir z.B. wurde einmal von einer Rentnerin der Krückstock in die Speichen vom Fahrrad gesteckt während ich in Zeitlupe an Ihr vorbei gefahren bin. Und wegen eines Parkplatzes hat mir auch ein Mitfünfziger ins Gesicht gespuckt und mich wirklich aufs Übelste beschimpft. Und auch da hat mir in beiden Fällen niemand geholfen, sondern es wurde nur gegafft.
    Hinterher ärgere ich mich dann auch immer, warum hast du nicht souveräner reagiert, warum hast du ihm nicht einen guten Spruch gedrückt, aber man ist in solch einer Situation immer so konsterniert, so dass man kurz handlungsunfähig ist und eben nur das „A….“ rausbekommt. Im Endeffekt bringt es leider nix, sich darüber zu ärgern, weil Menschen dieser Art einfach immer denken sie wären auch noch im Recht. Und sie sind es auch eigentlich keine Minute wert, sich mit Ihnen weiter zu beschäftigen. In diesem Sinne sonnigste Grüße aus der Nachbarschaft <Eimsbüttel)….

  14. Argh – ich bin auch so eine Wut-Häulerin und kann dich gut verstehen. Als ich hochschwanger war fuhr ich, mittlerweile sehr gemächlich, auf dem Radweg. Ein ungeduldiger Fahrrad-Fahrer kam von hinten angerast, rief „achtung“, rammte mich, sodass ich vom Rad abspringen musst, um nicht zu fallen. Mir gings gut das Fahrrad lag verbogen am Boden. Er pöbelte, dass ich bei der Geschwindigkeit auf dem Fussweg fahren sollte. Als er sah, dass ich schwanger war, erschrack er und fragte ob alles okay sei. Ich sagte ihm, dass er sich verpissen sollte. Schwanger oder nicht, soetwas geht gar nicht.
    Auf einen neuen tolle Tag – in der grossen, spannenden und vollen Welt einer Großstadt.

  15. Ich hab beim Lesen echt mit Dir mitgefühlt und ich würde dem Arschloch gerne ein paar gepfefferte Takte sagen. Ich denke mir auch oft „Was geht es den Anderen an?!“, wenn ich auf mein Handy gucke. Ich störe dabei doch niemanden aktiv! Ich könnte grad ne Nachricht bekommen haben, dass meine Mama ins Krankenhaus gekommen ist, dass meine Freundin einen Nervenzusammenbruch hat…whatever…es könnte wichtig sein! Und ich habe JEDES Recht wann immer ich will auf mein Handy zu glotzen! Auch wenn ich nur im Netz rumpimmel und nix Wichtiges tue. Mich nervt oft auch so Vieles an anderen…aber: Leben und leben lassen, verdammte Hacke!

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