Das Leben Eben
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Du wusstest doch, worauf du dich einlässt! Übers Mutter sein.


Und? Weiß man wirklich, und ich meine so richtig wirklich, worauf man sich einlässt, bevor man Kinder kriegt? Hat man sich das alles ganz bewusst so ausgesucht? Ist Frauen wirklich bewusst, was es bedeutet? Diese große, überwältigenden, atemberaubende Liebe auf der einen Seite. All das Schöne, die Wärme, das Kuschelweiche. Die knubbelige Arme, die sich fest um den Hals legen, dieses unendliche Vertrauen und dass du alles für sie bist. Die kleine Hand, die sich in deine schiebt. Festhält. Und loslässt. All das?

Überwältigende Emotionen, riesengroße Verantwortung, Wut, Hilflosigkeit, das Gefühl, zu versagen, nie genug zu sein und dabei so erschöpft zu sein, dass man zwar funktioniert, aber eigentlich nicht mehr weiß, wo vorne, hinten, oben und unten sind? Ist uns bewusst, worauf wir für das große Familienlos verzichten? Und dass jeder eine Meinung hat, jede Meinung richtig ist, nur die der Mutter nicht? 

Mutter zu werden (ja, Elternschaft im Allgemeinen, aber Mutterschaft ganz im Speziellen) verändert das Leben auf so vielen Ebenen. Und ich glaube, die schönen Seifenblasen- und Marmeladenglasmomente, das strahlende Kinderlächeln, Stolz, Liebe, happy family Momente – das können wir uns vorstellen. Wir träumen davon und diese romantisierte Vorstellunge von Familie, diese schillernde Seifenblase, lässt kaum Raum für andere Seiten. Wer will sich schon mit gleichberechtigter Aufteilung von Care Arbeit und Mental Load,  Ausgleichszahlungen für die Rente und Altersarmut von Müttern beschäftigen, wenn es eigentlich nur darum geht, die große Liebe mit einem zuckersüßen Wunder zu krönen? 

Was keiner sehen will

Diesen Teil des Mutterseins möchte niemand sehen. Die Mutter, die morgens um 10 fix und fertig auf dem Küchenfußboden sitzt und weint, sich nach einem Glas Weißwein sehnt (oder es schon in der Hand hält), weil sie bis um 23 Uhr die Wohnung aufgeräumt hat, bis um halb eins die nächste Woche im Kopf geplant hat und die restlichen Stunden Schlaf wahlweise vom noch stillenden Baby, Füßen im Rücken oder kindlichen Albträumen geweckt wurde. Und morgens alles wie immer weiter geht. Jeden. Verdammten. Morgen. Jeden. Verdammten. Tag.

Die Mutter, die sich nach zehn Monaten alleine mit dem Baby zuhause einfach unendlich langweilt und endlich mal wieder intellektuell fordernde Gespräche mit anderen Erwachsenen führen möchte statt nur abends vorwurfsvoll die Frage zu hören, warum die Bude so chaotisch ist. Die Mutter, die sich nach dem hundertsten „Mama“ am Tag rumdreht und unvermittelt mit wutverzerrtem Gesicht brüllt, dass sie einfach mal nur fünf Minuten ihre Ruhe haben will. Die Mutter, die einfach mal nur einen Gedanken zuende denken können will, ohne unterbrochen zu werden.

Die Mutter, die sich so unendlich einsam fühlt. Die Mutter, die bis in die Knochen erschöpft ist und, während sie kurz allein über den Zebrastreifen zum einkaufen geht, die Lider über ihren brennenden Augenringen schließt und sich wünscht, das nächste Auto möge einfach nicht anhalten. Nur um endlich eine Pause zu haben. Die Mutter, die sich einfach mal nicht mehr kümmern will. Um nichts und niemanden.

Diese Mütter will niemand sehen. Diesen Müttern wird vorgehalten: Hör auf zu jammern, du hast dir das doch so ausgesucht. Du brauchst eine Pause? Anderen geht es viel schlechter. Sei froh, dass du überhaupt ein Baby kriegen konntest. Hör doch einfach auf, so viel zu kaufen, dann musst du auch nicht arbeiten. Steh einfach früher auf, dann schaffst du auch den Haushalt. Du wusstest doch, worauf du dich einlässt!

Wussten wir das wirklich? Ich behaupte nein

Und während ich im Kinderzimmer um das aus Karton geschnitzte Ninjago Hauptquartier herum sauge und zwischen Hochbett und Heizungsrohren ein staubiges Plastik-Eichhörnchen hervorziehe, überlege ich, ob mein jetziges Ich meinem Ich vor den Kindern etwas mit auf den Weg geben würde. Sofort eingefallen sind mir diese:

  1. Lass zu, dass andere Menschen dir helfen. Auch, wenn die Hilfe nicht perfekt erscheint, unperfekte Hilfe ist besser als keine Hilfe.
  2. Es geht deiner Familie und deiner Beziehung nur gut, wenn es dir gut geht. Du kannst dich nur gut um deine Kinder kümmern, wenn du dich gut um dich kümmerst.

Ich weiß nicht, ob es etwas geändert hätte, wenn mir das schon früher klar gewesen wäre. Aber ich werde auf jeden Fall versuchen, diese Ratschläge in Zukunft selbst mehr zu leben. Und sie an meine Kinder weitergeben, für den Fall, dass sie selbst irgendwann Kinder haben möchten.

Die anstrengenden Seiten des Mutter Seins müssen sichtbar werden.

Und ich werde weiter darüber schreiben, dass Kinder zu haben nicht nur bedeutet, zuckerwattesüße Speckbäckchen zu knutschen und romantische Familienfotos in der goldenen Abendsonne zu machen. Weil ich zwar Nachrichten kriege, dass ich endlich aufhören soll, zu jammern. Aber auch so viel mehr Nachrichten von Müttern, die froh sind, nicht allein zu sein mit dieser Erschöpfung, dieser Überforderung und dem Gefühl, dass manchmal einfach alles zu viel ist. 

Dieser Teil des Mutter Seins muss einfach sichtbarer werden. 

Ich möchte, dass die Gesellschaft erkennt und anerkennt, dass es anstrengend ist, all das zu sein und zu erfüllen, was heutzutage von Frauen und speziell Müttern erwartet wird. Ich möchte, dass Müttern nicht immer wieder eingeredet wird, dass sie einfach jammern und vielleicht zu unorganisiert sind, sie ihre Ansprüche runterschrauben oder einfach mal den Haushalt liegen lassen sollten. Und für alle, denen es schon auf der Zungenspitze liegt: das alles hat nichts damit zu tun, wie sehr wir unsere Kinder lieben.


So. Und zu guter Letzt: gibt es etwas, das ihr eurem Vor-Kind(er)-Ich sagen wollen würdet?

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