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Und, was machst du so? Von geplatzten Träumen und neuen Chancen.

Und, was machst du so? Von geplatzten Träumen und neuen Chancen | Pinkepank

Als Kind wollte ich Ärztin werden. Tierärztin, um genau zu sein. Ich weiß noch ganz genau, wie ich meine Kuscheltiere verarztet habe. Der Gorilla war besonders oft krank. Da war ich in der Grundschule.

Als ich auf’s Gymnasium kam, vertiefte sich meine Liebe zum Schreiben. Ich hatte schon immer viel geschrieben, kleine Geschichten und Gedichte. Ganz klassisch kam dann in der Unterstufe die Schülerzeitung dazu, irgendwann schrieb ich Artikel für die lokalte Tageszeitung und sah mich in meiner Zukunft schon als rasende Reporterin durch die Weltgeschichte gondeln, immer auf der Suche nach einer spannenden Story.

Dass Karla Kolumna meine Lieblingsfigur in den Benjamin Blümchen Kassetten aus meiner Kindheit war, brauche ich nicht extra zu erwähnen, oder? Und auch die Leidenschaft, mit der Rory von den Gilmore Girls für den Journalismus brannte, konnte ich natürlich eins zu eins nachvollziehen.

Ich wählte Deutsch-Lk und selbstverständlich arbeitete ich an der Abi-Zeitung mit. Doch je näher das Abi rückte, desto mehr fühlte ich mich von allen Seiten bedrängt. Ich sollte mich endlich entscheiden, für ein Studium, eine Ausbildung, einen Beruf. Meine Recherchen zum Journalismus Studium ergaben immer wieder das Selbe – um zum Studium zugelassen zu werden, sollten Praktika nachgewiesen werden. Aber einen Praktikumsplatz bekam man nur mit dem Nachweis, dass man schon ein oder zwei Semester studiert hatte.

Vermutlich hätte ich einfach bei unserer Tageszeitung ein Praktikum machen können, aber der Druck aus meiner Umgebung wuchs, ich schwankte, wurde unsicher, fühlte mich nicht mehr gut genug. Der Numerus Clausus für Journalismus lag damals bei 1,1, mit meinem Abischnitt von 2,5 rechnete ich mir natürlich keinerlei Chancen aus.

Ich suchte nach Alternativen für mich. Quereinstieg, Kultur und Sprachen studieren, Politikwissenschaften oder vielleicht doch erstmal ins Ausland?

Mein damaliger Freund kam aus einer Ärztefamilie, er machte ein Jahr vor mir Abi und ging mir zuliebe für’s Medizinstudium nach Hamburg. Ich wollte nachkommen, denn Hamburg war schon immer mein Plan und mein Ziel.

IMG_4959Dann bekam meine Oma eine neue Hüfte. Sie lag auf der Intensivstation, als wir sie besuchten. Es war ein bisschen wie im Film, viele Schläuche, Perfusoren, es piepte, roch nach Desinfektionsmittel, war irgendwie beklemmend und spannend zugleich.

Als ich durch die Schiebetür des Krankenhauses nach draußen in die Sonne trat, wusste ich – ich möchte Ärztin werden. Ich war plötzlich so fasziniert von den Möglichkeiten der Medizin, der Gedanke daran ließ mich nicht mehr los. Außerdem war ein Kriterium, dass ich bei allen Gesprächen und Tests rund um’s Thema Berufswahl immer angegeben hatte, dass ich unbedingt mit Menschen arbeiten wollte. Da passte Medizin doch perfekt. Bio war immer eines meiner Lieblingsfächer gewesen, dass ich in Mathe, Physik und Chemie – nett ausgedrückt – eine absolute Niete war, verdrängte ich ein bisschen. Ich glaubte daran, dass ich mich bis zum Physikum schon durchkämpfen würde.

Natürlich war mein Abi auch für’s Medizinstudium nicht gut genug, aber der Wunsch, Ärztin zu werden, hielt sich so hartnäckig, dass ich beschloss, erstmal ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Pflege zu machen. Um Zeit zu überbrücken und um zu testen, ob die Arbeit mit Patienten überhaupt das Richtige für mich ist.

In dem Jahr auf einer geriatrischen Station eines Hamburger Krankenhauses wurde mir klar, dass der Schichtdienst und der Klinikalltag zwar hart waren, aber genau das, was ich wollte. Ich fühlte mich nützlich, arbeitete mit Menschen, übernahm Verantwortung und lernte, mich zu organisieren.

IMG_4958Als das Ende meines FSJ’s anstand, bewarb ich mich kurzentschlossen für eine Ausbildung zu Krankenschwester, denn das Studium war natürlich immer noch in keinster Weise zum Greifen nah. Ich wurde also Krankenschwester und arbeitete erst in einer internistischen, dann in einer der größten interdisziplinären Notaufnahmen in Hamburg. Der Job machte mir Spaß, ich war eine gute Krankenschwester. Zwischendurch überlegte ich sogar, doch nicht mehr zu studieren.

Aber jeder kennt die Problematik in der Pflege – immer mehr Patienten, immer weniger Pflegekräfte, keine Zeit mehr für den Einzelnen, für Menschlichkeit zwischen den Routinen. Immer mehr Stellen wurden gekürzt, Dienste nicht nachbesetzt. Es kam immer häufiger zu Situationen, die ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren konnte. Weinende Kollegen im Aufenthaltsraum, wenn ich zur Arbeit kam, das Gefühl, nichts und niemandem gerecht geworden zu sein, weder den Patienten noch meinem eigenen Anspruch an eine gute Versorgung, wenn ich ging. Den einzigen Ausweg sah ich dann doch im Studium.

Als endlich, nach sieben langen Jahren Wartezeit der Zulassungsbescheid in meinem Briefkasten lag, war ich euphorisch. Und ein bisschen wie betäubt. Endlich sollte ich das tun und lernen können, worauf ich so lange gewartet und hingearbeitet hatte.

Aber, und natürlich kommt jetzt ein „Aber“, sonst würde ich vermutlich gerade nicht hier sitzen und diesen Text schreiben – es war nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte, Natürlich wusste ich, was auf mich zukommen würde, ich hatte das Studium durch meinen Ex-Freund hautnah miterlebt. Ihn abgefragt, durch seine Bücher geblättert, Geschichten aus erster Hand über das Unileben und das Medizinstudium.

Aber das Erleben und Wahrnehmen des Unilebens direkt nach dem Abi ist ein  anderes, als wenn man schon 7 Jahre lang gearbeitet hat. Natürlich war ich nicht die Älteste, aber im Schnitt waren meine Kommilitonen fünf bis sieben Jahre jünger als ich. Einige sogar neun Jahre – und die Kluft zwischen 16, 18 und 25 ist einfach riesig. Viele von meinen Kommilitonen kamen ständig zu spät zu den Vorlesungen, mit Kaffeebecher in der Hand, um sich natürlich nicht an einen Randplatz in der oberen Reihe des Hörsaals zu setze. Nein, es musste der Platz Mitte/Mitte sein, wie im Kino. Auf dem Weg dorthin wurde jeder zweite mit Küsschen oder Handschlag begrüßt, es wurden ein paar Worte über’s wilde Wochenende gewechselt und ich saß auf meinem Platz, versuchte mich zu konzentrieren, ärgerte mich und konnte diese Unhöflichkeit gegenüber den Professoren und allen anderen Studenten einfach nicht ausblenden.

Dazu kam, und das war natürlich der viel gewichtigere Punkt, dass ich natürlich auch im Studium kein Überflieger in Physik und Biochemie war. Ich lernte und lernte und lernte. Jeden Tag, vor der Uni, nach der Uni, auf der Fahrt nach Hause im Bus. Der Ehrgeiz hatte mich gepackt, ich wollte es unbedingt schaffen. Und ich hatte sogar Spaß daran, mich durchzubeißen, ich wollte das alles verstehen. Außerdem gab es natürlich auch spannende Fächer – Anatomie zum Beispiel. Ich liebte es, anatomische Strukturen zu zeichnen, um sie mir besser einprägen zu können. Und auch, wenn ich vor meinem ersten Anatomie-Testat so aufgeregt war wie noch nie zuvor in meinem Leben – dieses Gefühl, im weißen Kittel am Präparationstisch zu stehen, die Fragen der Professoren richtig beantworten zu können – einmalig.

Und, was machst du so? Von geplatzten Träumen und neuen Chancen.
Aber – ja, das ist es wieder – durch das viele Lernen hatte ich keine Zeit mehr für Freunde oder irgendetwas anderes. Und ich meine wirklich null Zeit. Nicht wenig, null. An den Wochenenden, nach denen nicht direkt Klausuren anstanden, arbeitete ich in der Notaufnahme und sonst lernte ich.

Das respektlose Verhalten meiner Kommilitonen machte mich immer wahnsinniger, ich bekam Magenschmerzen, zwei Wochen, bevor die Uni nach den Semesterferien wieder losgehen sollte. Ich wurde immer unglücklicher und unausstehlicher, auch, weil sich das Gesundheitssystem immer weiter in eine Richtung entwickelte, die mir ebenfalls Bauchschmerzen machte. Die Aussicht, mindesten fünf weitere Jahre so zu studieren, nur um danach weiter im Schichtdienst zu arbeiten und auch als Ärztin nie jemandem gerecht werden zu können, machte mich mich mürbe.

Ich war desillusioniert und natürlich spielte auch die Frage nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine große Rolle. Ich wollte damals schon unbedingt Kinder und ich wollte sie bekommen, bevor ich 30 war. Mit meinem Freund, der als Anästhesist und Notarzt auch im Schichtdienst arbeitet, hätte das bedeutet, zwei Schichtdienstpläne miteinander vereinbaren zu müssen. Wir hätten uns vermutlich nur noch die Klinke in die Hand gegeben, die Alternative für mich wäre eine Teilzeitstelle gewesen, mit der man als Ärztin im Krankenhaus aber bisher keine Chance mehr auf Karriere hat. Zumindest habe ich es so erlebt.

Zusätzlich zu diesen wenig rosigen Zukunftsaussichten fehlten mir nicht nur meine Freunde schmerzlich, ich vermisste es auch wahnsinnig, Zeit für kreative Projekte zu haben. Zeichnen, nähen, stricken, schreiben, fotografieren, all das blieb auf der Strecke. Und das fühlte sich einfach nicht gut an, nicht richtig.

Es kristallisierte sich immer mehr heraus, dass Medizin nicht mehr das war, was ich machen wollte in meinem Leben. Nicht so, nicht unter diesen Umständen. Ich bin immer noch der Überzeugung, dass ich eine gute Ärztin gewesen wäre, denn geschafft hätte ich das Studium, das weiß ich.

Ich brauchte eine ganze Weile, den Gedanken zu akzeptieren. Aufzugeben, das Studium abzubrechen, nicht mehr sagen zu können: „Ich studiere Medizin“, mich in meiner Zukunft nicht mehr im weißen Arztkittel durch Krankenhausflure laufen zu sehen, war die schwerste Entscheidung meines Lebens. Ich fühlte mich wie die größte Versagerin aller Zeiten.

Mittlerweile tue ich das nicht mehr. Es hat lange gedauert und manchmal sehne ich mich noch nach der Medizin, nach dem Adrenalin, wenn Patienten in den Schockraum eingeliefert werden, nach dem guten Gefühl, genau zu wissen, was zu tun ist, um ihm zu helfen. Danach, herauszufinden, was da nicht stimmt und etwas dagegen tun zu können.

Aber ich habe gelernt, dass man manchmal einen Traum aufgeben muss, um Platz zu machen für Neues. Für neue Ideen, große Pläne, für ein anderes Leben. Und ich habe auch nicht mehr das Gefühl, meine Zeit verschwendet zu haben. Denn natürlich hätte ich niemals meinen Freund kennengelernt und mit ihm die beiden tollsten Kinder der Welt bekommen, wenn ich nicht in die Medizin gewollt und den Umweg über die Ausbildung gegangen wäre.

Mittlerweile fühlt sich meine Entscheidung also gut und richtig an. Erst nachdem ich das Studium abgebrochen hatte, habe ich angefangen, zu bloggen, das Fotografieren für mich (wieder-) entdeckt. Es haben sich so viele großartige Chancen durch’s bloggen ergeben, Freundschaften, die ich nicht missen möchte. Und ich glaube, dass ich auch ohne den Blog nicht zu meinem aktuellen „Projekt“ gekommen wäre. Dazu gibt’s Anfang der Woche mehr. Jetzt fühlt es sich erstmal gut, an, dass ich meine Pläne umsetze, mir eine neue Welt erarbeite, einen neuen Job, der zu mir passt und mich glücklich macht. Here I go.

To be continued.

Fotos 2, 3,4,5 und 7 von André Hofmeister

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